08.05.22 Prof. Dr. Tilmes - Finanzplanung: Wenn aus Wünschen Wirklichkeit werden soll

Wer seine wirtschaftliche Zukunft nicht dem Zufall überlassen will, braucht private Finanzplanung, sagt Prof. Dr. Rolf Tilmes von der EBS. Insofern ist die eigentlich auch Lebensplanung.

Was meinen die Leute eigentlich, wenn sie von finanzieller Freiheit reden? Das Ergebnis einer Umfrage unter 2500 Erwachsenen ist so schlicht wie eingängig: Die meisten Deutschen verstehen darunter „unabhängig in allen Lebenslagen" zu sein und sich keine Gedanken mehr über Geld machen zu müssen. So eine repräsentative Studie des Marktforschungsunternehmens Civey im Auftrag der Lebensversicherung LV 1871.

Nicht über Geld nachdenken müssen... das klingt simpel und eingängig – doch leider ist das Gegenteil richtig. Wer finanziell unabhängig werden will, muss sich über Geld sehr wohl Gedanken machen. Möglichst früh im Leben und immer wieder. Das sagt Prof. Dr. Rolf Tilmes, Academic Director Wealth Management & Sustainability Management an der EBS Executive School und ehrenamtlich zudem Vorstandsvorsitzender des Financial Planning Standards Board Deutschland e.V. „Wenn ich meine wirtschaftliche Zukunft nicht dem Zufall überlassen möchte, ist private Finanzplanung unerlässlich. Insofern ist Finanzplanung ja ein ganzes Stück weit auch Lebensplanung.”

Aber was ist das eigentlich: Private Finanzplanung? „Das ist wie ein Besuch beim Finanz-Arzt“, sagt Prof. Dr. Tilmes, „damit eine Anamnese, Diagnose und Therapie erfolgen kann, sowie sodann die Kontrolle, dass die Therapie auch wirkt.“ Dabei ist Finanzplanung „ein Marathon und kein Kurzstreckenlauf“, so Tilmes, schließlich gehe es um Vorsorge und Ruhestandsplanung – und das will wohl überlegt sein. Es geht also nicht um den Tipp des Tages, gutgemeinte oder auch windige Ratschläge für den Aktienmarkt, oder Trades mit Bitcoin, um den schnellen Euro zu machen, sondern um langfristige Anlage. Je nach Lebenssituation – beim Berufseinstieg, bei der Familienplanung, beim Immobilienerwerb, vor der Pensionierung – muss die Finanzplanung überdacht und aktualisiert werden.

Dieser Prozess sollte systematisch beschritten werden, glaubt Tilmes. Der erste Schritt ist, mit dem Partner zu reden und mit der Familie, denn von den Finanzen sind schließlich alle betroffen. Und dann zu fragen: Was sind unsere Ziele und Wünsche? „Das bedeutet, eine Art `Financial striptease´ hinzulegen, sagt Tilmes. „Werden die Einkommensströme strukturiert, wird schnell deutlich, wie sich das mit der Wunscherfüllung entwickelt. Da ist es nicht mit zehn Minuten getan, das will wohlüberlegt sein“, so der Akademiker. „Planung kann übrigens auch Spaß machen, wenn man feststellt, dass man langfristig seine Ziele erreicht.“

Auch hier gilt: Je früher man anfängt mit der Finanzplanung, desto mehr lässt sich vom Zinseszins profitieren und desto stabiler wird das finanzielle Fundament. „Die Leute unterschätzen die eigene Langlebigkeit und länger zu leben, als das Vermögen reicht, ist keine angenehme Aussicht“, sagt Prof. Dr. Tilmes.

Natürlich kann jeder seine Finanzplanung selber machen. Doch in Deutschland ist beispielweise die steuerliche Optimierung der Vorsorge nicht gerade einfach. „Viele Leute verbringen mehr Zeit mit der Auswahl ihres neuen Autos als mit der Frage, wovon sie im Alter leben oder wie sie die Ausbildung der Kinder finanzieren wollen“, sagt Tilmes. Ökonomische Bildung werde in Deutschland schließlich schon in der Schule vernachlässigt. „Es ist daher sinnvoll, professionelle Unterstützung zu finden, zum Beispiel durch einen Certified Financial Planner“, empfiehlt Tilmes.

Einen guten Finanzplaner erkennt man daran, dass „der nicht sofort mit dem Produkt um die Ecke kommt, sondern erst einmal viele Fragen stellt. Er oder sie sollte sich Zeit nehmen, um die konkrete Situation des Klienten zu erfassen und zu verstehen“, so Tilmes. Ein guter Berater fragt nach Zielen, nach bestehender Absicherung, nach verschiedenen Bausteinen der Vermögensbildung. Gibt es eine Immobilie, ein Aktiendepot? Wichtig ist auch Transparenz – der Berater muss deutlich machen, was die Dreh- und Angelpunkte bei den verschiedenen Themen sind.

In Deutschland gibt es rund 1500 gut ausgebildete Certified Financial Planner oder CFP, die sich alle zwei Jahre requalifizieren und kontinuierliche Weiterbildung nachweisen müssen. „Aber das wichtigste ist Vertrauen!“, so Professor Tilmes. „Und das Gefühl, gut aufgehoben sein bei einem Profi, der auch mal abrät oder auf Sackgassen hinweist.“

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