Gesetzliche Rente: Wie sich die Rentenbombe entschärfen ließe. Prof. Dr. Christian Hagist im Gespräch mit Michael Reeg

31.07.23

Prof. Dr. Christian Hagist, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der WHU – Otto Beisheim School of Management, beschäftigt sich mit intertemporaler Fiskalpolitik, insbesondere mit der Nachhaltigkeit unserer Renten- und Sozialversicherung.


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Gesetzliche Rente: Wenn das so weitergeht, wackelt der Generationenvertrag

Mal ehrlich: Wie nachhaltig ist unser staatliche Rentensystem aufgestellt? Derzeit liegt das Rentenbeitragsniveau bei über 18 Prozent des Bruttoverdiensts, Tendenz steigend; das Niveau der staatlichen Rente jedoch bei nur rund 44 Prozent des letzten Bruttoeinkommens, Tendenz sinkend. Gleichzeitig klettert die Lebenserwartung während die Geburtenraten weiter schrumpfen. Wie die kommenden Generationen diese Finanzlücke schließen sollen, ist laut Prof. Christian Hagist von der WHU – Otto Beisheim School of Management, die Gretchenfrage der deutschen Innenpolitik. Im Gespräch mit Michael Reeg, dem CEO von Hoesch und Partner, erklärt der Rentenexperte, wie sich der Generationenvertrag für alle fairer gestalten ließe.

Gesetzliche Rente: Wie sich die Rentenbombe entschärfen ließe

Die Lebenserwartung steigt, genauso wie die Inflation, während die Geburtenrate sinkt. Wenn das so weitergeht, müssen die Jungen 2040 die Hälfte ihres Einkommens in Form von Sozialversicherungsbeiträgen abliefern. Das könnte dazu führen, dass der Nachwuchs den Generationenvertrag einseitig aufkündigt. Prof. Christian Hagist von der WHU – Otto Beisheim School of Management fordert einen Kompromiss, der diese Zeitbombe entschärft und das Rentenversicherungssystem fairer und sicherer macht.

„Weniger reingeben und immer mehr rausnehmen, das funktioniert auf die Dauer nicht“, sagt der Rentenexperte Prof. Christian Hagist von der WHU – Otto Beisheim School of Management. Damit spielt er auf die Tatsache an, dass das Rentenniveau in Deutschland ebenso kontinuierlich steigt wie die Lebenserwartung, während die Geburtenraten weiter sinken. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Rente und die geburtenschwachen Generationen nach ihnen sollen ihren Lebensabend finanzieren. Wie Prognosen zeigen, müssen die Jungen bald 25 Prozent ihres Einkommens an Rentenbeiträgen abgeben.

Auch wenn das Isoliert betrachtet nicht so problematisch aussieht – derzeit liegt der Rentenbeitrag bei 18 oder 19 Prozent – „insgesamt addieren sich die Kosten“, warnt Hagist. Rechne man die Kosten für Kranken- und Pflegeversicherung dazu, ergebe sich jetzt schon schon ein Sozialversicherungsbeitrag pro Arbeitnehmer von über 40 Prozent. Konkret verschwinden heute also 40 Prozent der Produktivität eines jeden Arbeitnehmers in der Sozialkasse. Und es wird nicht besser, wie der Professor vorrechnet: „Meine Kalkulation ergibt, dass wir im Jahr 2040 bei rund 50 Prozent Sozialbeiträgen landen werden – die Hälfte unserer Wirtschaftsleistung wird dann in der Sozialversichung enden.“ Bei der monatlichen Belastung für die Arbeitnehmer sind Steuern, die Hypothek fürs Häuschen, die Kosten für die Ausbildung der Kinder übrigens noch nicht mal eingerechnet.

Dieses Szenario ist nicht tragbar, glaubt Hagist: „Das wird dazu führen, dass die Jungen den so genannten Generationenvertrag einseitig aufkündigen. Die können das, die sind gut ausgebildet und werden entweder ins Ausland gehen oder sich in die Schwarzarbeit verabschieden. Als soziale Marktwirtschaft wollen wir das nicht, da müssen wir gegensteuern!“

Prof. Hagist sieht die Entschärfung dieser Rentenbombe in einem Kompromiss zwischen den Generationen. Die Älteren müssen die Lasten des demografischen Wandels mittragen. „Das heisst nicht, dass wir die Renten kürzen, aber die Rentensteigerungen werden geringer ausfallen müssen“, sagt der Experte. Dass die Lebenserwartung steigt, das Renteneintrittsalter aber nahezu unverändert blieb, bedeute ohnehin faktisch eine jährliche Rentenerhöhung: „Für jedes Jahr, das jemand einbezahlt hat, bekommt er oder sie am Ende mehr und mehr heraus“. Also müsse das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Gleichzeitig müssen auch jüngeren Generationen ran und  höhere Rentenversicherungsbeiträge akzeptieren. „Alle drei Komponenten müssen berücksichtigt werden – geringere Rentenbeiträge, ein höheres Renteneintrittsalter und etwas höhere Beiträge – sonst fahren wir den Generationenvertrag an die Wand.“

Inzwischen gibt es erste Vorschläge, das Wahlrecht auf 75 Jahre zu begrenzen, weil die Politik zu rentnerfreundlich ist und die Nöte der Jüngeren außer acht lässt. Der Ökonom Friedrich August von Hayek hat sogar schon einmal vorgeschlagen, Menschen, die von staatlichen Transferzahlungen abhängig sind, ein geringeres Mitspracherecht einzuräumen. Doch aus Hagists Sicht ist das nicht der richtige Weg, er schlägt vielmehr vor, pragmatisch vorzugehen und beispielsweise die Erhöhung des Renteneintrittsalters mit einer Flexibilisierung zu verbinden.

„Wer beispielsweise mit 62 in Rente gehen will und nachweisen kann, dass genug private Vorsorge da ist und kein Absturz in die Grundsicherung droht, der sollte das auch tun dürfen“, meint der Professor. „Man muss den Umbau des Rentensystems fair gestalten und klarmachen, dass die Generationen zusammenarbeiten müssen – denn wenn die Jungen abwandern, ist keinem geholfen: Dann ist nämlich niemand mehr da, der die Alten finanziert.“ Allerdings müssten wir an Tempo zulegen,  meint Hagist: „Je länger der Umbau dauert, desto teurer wird es!“

Daher auch die Bitte des Professors an die jungen Leute, zur Wahlurne zu gehen und die Stimme des Nachwuchses hörbar zu machen. „Politiker orientieren sich am Wählerwillen“, sagt Hagist, „und wenn dieser Wille schon demografisch bestimmt immer älter wird und Alte sowieso eher wählen gehen als Junge, ist das keine gute Nachricht für den Generationenvertrag.“ Sein Fazit lautet: „Wir brauchen Gerechtigkeit zwischen den Generationen, verschafft euch politisch Gehör!“

Für viele wird dennoch mit dem Ruhestand die Ernüchterung kommen. Weil die Rente nicht so hoch ausfällt, wie erhofft oder von hohen Inflationsraten aufgefressen wird. Wie kann man sich dagegen absichern? „Mit einer guten Ausbildung“, sagt Prof. Hagist. Die bedeute in der Regel eine bessere Entlohnung und daher höhrere Beiträge zur staatlichen und betrieblichen Altersvorsorge. Gleichzeitig stehe Besserverdienern mehr Geld zur Verfügung, um private Vorsorge zu leisten. Alles andere jedoch seien hoch individuelle Komponenten, so Hagist. Jeder müsse sich seiner Präferenzen bewusst werden und selber einschätzen, welcher Typ man sei. „Wer im Alter reisen und die Welt sehen will, wird mehr Geld brauchen, als der häusliche Typ, der frugal lebt und lieber zuhause gärtnert.“

Egal welche Präferenzen jemand hat, grundsätzlich rät der Rentenexperte zu mehr Mut bei der Altersvorsorge. Die Deutschen seien ein sehr konservatives Volk, wenn es um Geldanlage geht und nicht sehr risikofreudig! „Je jünger jemand ist, desto größer sollte der Mut zu einem etwas höhren Risiko sein: Das bedeutet konkret Mut zur Aktie!“ Aktiensparpläne und das Instrument der Indexfonds ließen sich gut nutzen, um mit kalkulierten Risiko an der Vermögensbildung zu arbeiten, erläutert der Professor.

Überdies würde Hagist der Jugend bei der Wahl des Jobs empfehlen, nicht nur darüber nachzudenken, ob die Arbeit Spaß mache, sondern auch darüber, ob der gewählte Beruf ein gutes Einkommen garantiere? Es gehe nicht darum, „die Jugend kaputtzusparen“, aber sobald man ein bißchen Geld übrig hat, „sollte man anfangen, Vermögen aufzubauen.“

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