20.02.2017

Pflege 2017: Neue Leistung, alte Lücken

Die private Vorsorge bleibt notwendig – auch 2017! Daran kann auch das zum 01. Januar in Kraft getretene 2. Pflegestärkungsgesetz nichts ändern. Doch was genau sind die Ziele der Gesetzesreform und inwieweit greift die anvisierte Erleichterung der Beurteilung der Pflegebedürftigkeit? Dieser Blog erlaubt sich ein Fazit, nennt Verlierer der Reform und analysiert den Wirkungsgrad.

Aktuell sind ungefähr 2,85 Millionen Menschen pflegebedürftig. Für das Jahr 2030 werden aber bereits 3,5 Millionen Pflegebedürftige prognostiziert. Insbesondere die Zahl der Demenzkranken wird exponentiell ansteigen.

Bereits jetzt liegen die durchschnittlichen Kosten für einen Platz im Pflegeheim bei fast 4.000 EUR monatlich. Dazu trägt die gesetzliche Pflegeversicherung maximal 2.000 EUR bei. Die Differenz hat der Pflegebedürftige selbst zu tragen. Bereits heute pflegen 5% der Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren chronisch kranke Familienmitglieder selbst. Denn hier ist das Gesetz ist eindeutig: Kinder haften für Ihre Eltern.

Dabei verschärft sich die Situation, berücksichtigt man, dass bei bisheriger Gesetzeslage besonders Demenzkranke oft durch das Raster gefallen sind und Angehörige somit keinen Anspruch auf Leistungen hatten. Bislang schätzt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) ein, wie viel Zeit die tägliche Pflege (Waschen, Essen zubereiten, Anziehen etc.) im Einzelfall in Anspruch nimmt. Diese zu tiefst bürokratische Herangehensweise steht schon lange in der Kritik, zumal sich eine adäquate Pflege SO in keinem Fall erfassen lässt.

Künftig soll der Gesamteindruck eines Menschen berücksichtigt werden. Dazu wird anhand von mehr als 60 Kriterien aus sechs Lebensbereichen ermittelt, wie groß die Hilfsbedürftigkeit im Alter ist. Psychische Probleme und geistige Einschränkungen werden dabei ebenso hinzugezählt wie die Körperpflege und Mobilität. Jeder Bereich erhält Punkte, die unterschiedlich gewichtet in das Endergebnis einfließen.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Maria Muster leidet unter starker Arthrose in den Handgelenken. Daher fällt es ihr schwer, sich selbst anzuziehen. Zudem ist sie nachts oft unruhig und sucht ihren verstorbenen Mann. Der Gutachter berücksichtigt nach dem neuen Verfahren sowohl die Schwierigkeiten beim Ankleiden als auch die nächtliche Unruhe. Das ist neu, denn nach dem alten System hätte er lediglich eingeschätzt, wie viele Minuten Hilfe zum An- und Auskleiden nötig sind.

Aus Pflegestufen werden Pflegegrade

Die bisherigen drei Pflegestufen sind zu fünf Pflegegraden ausgebaut worden, um differenzierter die Ansprüche eines auf fremde Hilfe angewiesenen Menschen erfassen zu können.

  • Geringe, erhebliche und schwere Beeinträchtigungen werden in die Pflegegrade 1 bis 3 eingestuft.
  • Pflegegrad 4 bedeutet, dass der Pflegebedürftige „schwerste Beeinträchtigungen“ hat.
  • Der höchste Pflegegrad 5 bedeutet „besondere Anforderungen an die pflegerische Versorgung“, etwa die Notwendigkeit einer 24-Stunden-Betreuung.

Die Pflegegrade entsprechen künftige der Staffelung, auf welche Geld- und Sachleistungen der oder die Pflegebedürftige Anspruch hat:

 PG 1 (in EUR)PG 2 (in EUR)PG 3 (in EUR)PG 4 (in EUR)PG 5 (in EUR)
Geldleistung ambulant-316545728901
Sachleistung ambulant-6891.2981.6121.995
Entlastungsbetrag stationär125125125125125
Leistungsbetrag stationär1257701.6261.7752.005

Zum Vergleich die statistisch ermittelten Durchschnittskosten für Pflege in NRW:

 PG 1 (in EUR)PG 2 (in EUR)PG 3 (in EUR)PG 4 (in EUR)PG 5 (in EUR)
Kosten im Schnitt in NRW-5971.8683.9374.167

Die Verlierer der Pflegereform

Für Menschen mit rein körperlichen Einschränkungen ist es künftig weitaus schwerer, die Voraussetzungen für einen hohen Pflegegrad zu erfüllen. Selbst wenn sie weder Arme noch Beine gebrauchen können, erreichen sie nicht die geforderte Punktzahl für den höchsten Pflegegrad 5. Sie sind darauf angewiesen, dass der Gutachter Ihnen eine „besondere Bedarfskonstellation“ bescheinigt, um den Pflegegrad 5 rechtfertigen zu können.

Private Vorsorge bleibt also weiterhin notwendig

Wer noch jung und gesund ist, sollte sich also um eine private Pflegevorsorge bemühen. Denn der Abschluss setzt das Bestehen einer Gesundheitsprüfung voraus! Wer nicht die Zeit hat oder das Geld besitzt, seine Großeltern, Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen, sollte sich, auch zum Selbstschutz, um eine private Pflegevorsorge bemühen.

Denn wie eingangs erwähnt: Kinder haften für Ihre Eltern! Und bei jeder Versicherung, die ein biometrisches Risiko abdeckt gilt insbesondere bei Pflegeversicherungen: Je jünger und gesünder, desto günstiger und wahrscheinlicher ist auch ein guter Versicherungsschutz!

Pflegeversicherung ist nicht gleich Pflegeversicherung

Angeboten werden grundsätzlich drei Produktvarianten, mit denen man sich, sein Vermögen und seine Familie gegen das finanzielle Risiko einer Pflegebedürftigkeit absichern kann.

  1. Pflegekostenversicherung:
    Die nach Vorleistung der gesetzlichen oder privaten Pflegepflichtversicherung verbleibenden Restkosten werden erstattet. Über Tarife werden Restkosten ganz oder teilweise übernommen. Die Pflegekostenversicherung folgt dem Kostenerstattungsprinzip. Pflegeleistungen von Angehörigen oder Bekannten werden hier oft nur sehr begrenzt oder gar nicht gezahlt. Dementsprechend ist dieses Produkt in erster Linie für vollstationär zu pflegende Personen zu empfehlen.
  2. Pflegetagegeldversicherung:
    Die am häufigsten gewählte Variante: Im Gegensatz zur Pflegerentenversicherung werden günstigere Tarife angeboten. Der Beitrag kann dann seitens des Versicherers angepasst bzw. erhöht werden, wenn die Inanspruchnahme durch die Versichertengemeinschaft es erfordert. Man sichert einen gewissen Tagessatzsatz ab, z.B. 50 EUR pro Tag, welchen man dann für jeden Tag der Pflegebedürftigkeit als Barbetrag erhält. Dabei wird meist stufenweise der vereinbarte Satz, je nach Pflegegrad, gezahlt.
  3. Pflegerentenversicherung:
    Gegen einen festen und während der Laufzeit stabilen Beitrag vereinbart der Versicherte eine monatliche Rente. Die Beiträge werden vom Versicherer zu einem Teil verzinslich angelegt. Das macht die Pflegerentenversicherung flexibel, da mit der Zeit auf beitragsfreie Leistungen und auch Rückkaufswerte zurückgegriffen werden kann. Die Beitragszahlung kann unterschiedlich lang vereinbart werden, so dass die Beiträge im hohen Alter beispielsweise gegen Null tendieren können. Auch eine Einmalzahlung ist möglich.

Welche Variante für einen selbst die sinnvollste ist, sollte in einer Pflegeanalyse festgestellt werden. Denn mit der Auswahl ist es noch nicht getan; unterschiedlich leistungsstarke Tarife müssen individuell gebenchmarkt werden. Beispielweise sollte in jedem Fall eine Beitragsbefreiung im Pflegefall enthalten sein.

Das wichtigste zum Thema Pflege noch einmal kurz zusammengefasst:

  1. Die sich immer weiter erhöhende Lebenserwartung bedeutet auch eine steigende Zahl an Pflegebedürftigen.
  2. Jeder zwölfte Deutsche über 60 Jahren ist bereits pflegebedürftig. Unter den über 80-jährigen ist es sogar jeder Dritte.
  3. Über 80 Prozent der Männer und über 70 Prozent der Frauen sind länger als 12 Monate auf Pflege angewiesen. Jeder dritte Mann und jede achte Frau sind sogar über 10 Jahre auf Hilfe angewiesen.
  4. Aktuell sind ungefähr 40% der Pflegebedürftigen auf Sozialhilfe angewiesen, da die Leistung der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht ausreicht und Pflege parallel immer teurer wird.
  5. Ehegatten, Kinder, Eltern und Enkel sind grundsätzlich unterhaltspflichtig, wenn die pflegebedürftige Person die Kosten selbst nicht mehr stemmen kann.
  6. Über 90% der pflegenden Jugendlichen hilft mehrmals in der Woche, ein Drittel sogar täglich.

Fazit: In jedem Fall lohnt es sich für Klarheit zu sorgen, und die eigene Risikosituation zu prüfen, oder prüfen zu lassen. Denn jede Gesetzesänderung bringt Gewinner, aber auch Verlierer empor.

 Ihr Alexander Kukovic