09.11.2015

Sterbehilfe: Auch für die Versicherungsbranche ein heikles Thema

Kategorie(n): Aktuelles, Allgemein

Am Freitag hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz zur Sterbehilfe verabschiedet, das die gewerbsmäßige Sterbehilfe verbietet. Damit ist die öffentliche Diskussion noch lange nicht beendet, zumal von Anfang an klar war: Egal, welchen Entwurf das Parlament verabschiedet, es wird danach eine Verfassungsklage geben. Und natürlich ist es der aktuellen Weltlage geschuldet, dass die Diskussion fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt wird, da alle andere Themen überlagern.

Ich möchte auch gar nicht in die allgemeine Diskussion um Sinn und Unsinn von gewerbsmäßiger Sterbehilfe einsteigen, sondern einen Aspekt herausgreifen, der mit der Versicherungsbranche zu tun hat. Wenn solche Themen wie die Sterbehilfe in einen neuen gesetzlichen Rahmen gekleidet werden, dann hat das vielfältige Auswirkungen. So auch im Zusammenhang mit Versicherungen. Das was ich jetzt schreibe, mag für den einen oder anderen kalt und sehr technisch klingen. Aber es ist ein hochbrisantes Thema, da es um gewichtige wirtschaftliche Interessen und damit um viel Geld geht. Wenn Sterbehilfe keine Option ist, stellen sich die meisten dieser Fragen gar nicht, sobald die Option aber vorhanden ist, können und werden diese Fragen gestellt werden. Und das ist auch wichtig, denn nur wenn, wir die Fragen stellen, können wir über mögliche – richtige und falsche, akzeptable und nicht akzeptable Antworten diskutieren.

Bevor ich die Auswirkungen in einzelnen Sparten betrachten möchte, noch ein, zwei Vorbemerkungen: Wir werden immer älter und damit steigt die Wahrscheinlichkeit,  ein Pflegefall zu werden und auch länger pflegebedürftig zu sein. Das verursacht immense Kosten. Darüber hinaus muss man wissen, dass statistisch betrachtet eh ein Großteil der Kosten, die eine Krankenversicherung in einem Menschenleben zu tragen hat, am Ende des Lebens entstehen. Das heißt im Umkehrschluss ganz nüchtern formuliert: Wer sich als schwer- oder todkranker Mensch dafür entscheidet seinem Leben freiwillig ein Ende zu setzen, der spart der Kranken- und Pflegeversicherung wahrscheinlich eine Menge Geld. So lange er trotzdem frei entscheiden kann, kein Problem, aber selbst der Hauch eines sanften Drucks in eine bestimmte Richtung wäre fatal und eine moralische Katastrophe.

Fangen wir mal mit den Sparten an, in denen die Versicherung kein Interesse am Ableben des Versicherten hat: Risikolebensversicherung und Witwen-/Witwerrente, denn hier muss ja erst gezahlt werden, wenn der Tod eintritt. Und wie wird Sterbehilfe dann versicherungsrechtlich bewertet z.B. in der Risikolebensversicherung? Wie ein Selbstmord? Das hieße drei Jahre nach Abschluss des Vertrages wäre auch bei Sterbehilfe die Leistung fällig? Oder wäre die „Karenzzeit“ in diesem Fall länger? Wer will beurteilen, was angemessen oder gar gerecht ist?

Bei den Sparten Kranken-, Pflege- und Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Lage genau andersrum. Sobald der Patient nicht mehr da ist, entstehen keine Kosten mehr. Und die Kosten in solchen Fällen können sehr hoch sein. 2000 EUR mtl. BU-Rente, 2000 EUR aus der Pflegeversicherung, dazu die Kosten für die medizinische Behandlung, das macht pro Jahr schnell einen sechsstelligen Betrag pro Patient. Wie „nachdrücklich“ wird der Patient über die Option der Sterbehilfe informiert?

Die Fragestellung ist klar, die Deklination der möglichen Nuancen überlasse ich jedem selbst. Das einzige, das sicher ist: Es braucht eine breite gesellschaftliche Diskussion, die auch diese kniffligen Themen nicht tabuisiert.

Foto: Adobe Stock, Africa Studio