25.11.2015

Digital Ageing und Ruhestandsplanung: Wie passt das zusammen?

Kategorie(n): Aktuelles, Altersvorsorge, Rente

Digital Ageing ist ein Begriff, der in unserer heutigen Zeit immer präsenter wird. Wer genau beobachtet, kann bereits jetzt bemerken, dass sich das Altern verändert. Ältere Menschen sind nicht mehr nur die gesellschaftlich bekannten Großmütter und –Väter, die sich manchmal um die Enkelkinder kümmern, Marmelade einkochen oder Socken stricken. Dieses Bild ist längst Vergangenheit. Viele Ältere beschäftigen sich stattdessen zunehmend mit der Digitalisierung und profitieren sogar davon.

„Digital Ageing. Unterwegs in die alterslose Gesellschaft“ ist eine Studie von Jakub Samochowiec, Martina Kühne und Karin Frick, die sehr deutlich die Veränderungen des Alterns in der Digitalisierung aufzeigt. Der folgende Beitrag bezieht sich zum Teil auf die Studie, zum Teil auf Beobachtungen der vergangenen Jahre im Bereich der Ruhestandsplanung.

Rainer Weber, Experte im Bereich Ruhestandsplanung bei Hoesch & Partner, fragt sich an dieser Stelle, welche Auswirkung das Digital Ageing auf die Ruhestandsplanung hat, und hat sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt:

Digital Ageing und Ruhestandsplanung: Eine Bestandsaufnahme.

Aus der Studie wird klar, dass mit dem „Älter werden“ das Leben nicht dem Ende zugeht. War man in der letzten Dekade noch der Meinung, dass mit dem Eintritt des Rentenalters das Leben sich so langsam dem Ende zuneigt, so hat die aktuelle Generation 45+ das Ziel Rentenbeginn ganz klar mit der Prämisse im Auge, dass dann das Leben nochmals richtig losgeht.

Hier wird nun auch endlich klar, das Udo Jürgens bereits im Jahr 1977 seine Visionärs-Fähigkeiten im Titel: „Mit 66 Jahren“ unter Beweis gestellt hat.

Hat man im Jahr der Entstehung dieses Titels den Inhalt eher belächelt und als „Es wäre schön, wenn es so wäre …“ betrachtet, so lassen uns Studien wie die vorliegende klar erkennen, dass der Textinhalt bereits heutige Realität geworden ist. Hier eine kurze Kostprobe des Refrains – für die jüngeren Leser unter Ihnen, die das Jahr 1977 nur aus dem Geschichtsunterricht kennen:

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an
Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran
Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss
Mit 66 Jahren, ist noch lang noch nicht Schluss“
(Udo Jürgens, „Mit 66 Jahren“)

Ich finde diese Zeilen sprechen genau das aus, was uns die Ergebnisse der Studie ebenfalls vermitteln. Die Digitalisierung umfasst nahezu alle Lebensbereiche und führt dazu, dass wir Menschen uns ebenfalls entwickeln. Das klassische Altern wird abgelöst durch andere Phänomene und persönliche Einstellungen zum Thema. Schon jetzt gibt es ältere Menschen, die auf neuere Technologien schwören und diese zur Verbesserung ihres Lebens nutzen. Auch traditionelle Werte, wie beispielsweise das eigene Haus, sind nicht mehr so wichtig, wie einst behauptet. Freizeitaktivitäten und zwischenmenschliche Ebenen wie Hilfstätigkeiten werden immer wichtiger – vielleicht auch ein Ergebnis des Umgangs mit dem Social Web.

Was haben diese neuen Realitäten aber nun für Konsequenzen auf die finanziellen Planungen für diese anstehende, ereignisreiche Zeit. Klar ist, dass das Leben auf dieser Zielebene nicht günstiger wird, als das Leben, während man noch regelmäßig zur Arbeit geht.

Natürlich fallen einige Ausgaben mit dem Rentenbeginn (hoffentlich) weg:

  • Die Kinder sind hoffentlich selbständig und stehen auf eigenen finanziellen Füßen
  • Die Finanzierungen von Immobilien sind bezahlt und die Belastung damit weg
  • Einige Versicherungen, die der Altersversorgung dienten, sind nun fällig und die Beiträge fallen weg

Aber, mehr Freizeit bietet die Möglichkeit viele Dinge zu tun, die während der Berufstätigkeit nicht möglich waren

  • Reisen – nicht nur im Sommer, sondern am besten jedes Quartal
  • Hobbies, die ein wenig teurer sind
  • Zeit, um öfter ins Restaurant, die Oper, das Theater oder das Kino zu gehen
  • Nochmal ein schönes Auto kaufen, um am Wochenende unterwegs sein zu können
  • Und … und .. und …
Foto: Adobe Stock, goodluz

Foto: Adobe Stock, goodluz

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob die finanziellen Planungen, die man beim Berufsstart angestellt hat, mit den nun neuen Bedürfnissen konform gehen? Hat der künftige „Best oder Golden Ager“ seine Planungen den neuen Zielen im Alter angepasst?

Meine bisherigen Erfahrungen zu diesen Fragestellungen sind, dass sich die meisten berufstätigen Menschen zu diesem Thema in der aktiven Zeit wenig bis keine Gedanken machen. Es laufen „irgendwelche“ Anlagen und Vorsorgen für das Alter die Menschen gehen davon aus, dass es schon passt, oder sind sich darüber im Klaren, dass da noch Lücken sind.

Wenige leben in der Überzeugung, dass alles gut geregelt ist und kein Handlungsbedarf besteht. Gerade diese letzte Gruppe der „Überzeugten“ hat sich in den letzten Jahren der Finanzkrise dann doch ein paar Gedanken machen müssen, ob das Kapital bei diesen niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt ausreicht, um den anvisierten Lebensstandard im Alter zu halten.

Da der gute Deutsche zudem den Wunsch hat, auch der nächsten Generation ein Erbe zu hinterlassen, wird die Unsicherheit noch ein wenig größer, ob die Planungen noch passen. Genau aus dem Grund macht es sehr viel Sinn im Alter zwischen 45 und spätestens 55 eine Bestandsaufnahme durchzuführen – ich nenne das dann Ruhestandsplanung. Hier versuche ich mit meinen Kunden im ersten Schritt das Wunschprofil für den Ruhestand zu erstellen, d.h. wann soll es in den Ruhestand gehen und mit welchen, inflationsbereinigten, monatlichen Liquidität möchte der Kunde rechnen. Im nächsten Schritt schauen wir gemeinsam die bereits vorhandenen Versorgungsbausteine an und prüfen, wie hoch der Deckungsgrad der bereits vorhandenen Versorgungen zum Bedarf des Wunschprofils ist. Dann prüfen wir, wie man durch Umstellungen und zusätzlichen Bausteinen, das Wunschprofil des Kunden erreichen kann.

Je früher man diesen Prozess anstößt, umso länger ist der Zeitraum in dem aktiv Geld verdient wird, dass dann für die persönlichen Ziele im Ruhestand verwendet werden können. Neben den „Fun“-Aspekten, die man im Ruhestand umsetzen möchte, gibt es auch mind. drei weitere Aspekte, die man bei der Planung nicht vergessen sollte:

  • Ich weiß nicht, wie lange ich eine monatliche Liquidität benötige, da ein statistisch Sterbedatum eben nur Statistik ist – frei nach dem Motto „das Kapital ist weg, aber ich lebe noch!“
  • Ich weiß nicht, ob ich bis zum Tod gesund bleibe
    1. Aufgrund unserer dezentralen Familienstrukturen, fällt in den meisten Fällen die Familienpflege, die es noch in den 60er und 70 er Jahren gab, weg
    2. somit werden finanzielle Mittel für den Fall eine Pflege benötigt
  • Ich möchte gerne Vermögen übertragen. Hier gilt es folgende Fragen zu prüfen:
    1. Wie viel Vermögen sollte ich übertragen, um meinen eigenen Lebensstandard nicht zu gefährden?
    2. Gibt es Regelungen, die das Vermögen übertragen, mir aber noch einen Nutzen aus dem Vermögen bis zum Tod sichert?
    3. Schenkung- oder Erbschaftssteuer vermeiden oder optimieren

Jeder muss sich mit Blick auf ein aktives Leben nach der Berufstätigkeit die Fragen stellen, ob die Vorbereitungen so getroffen wurden, dass die Wünsche für diesen wichtigen Lebensabschnitt auch realisiert werden können. Wer keine klaren Ziele für diesen Zeitraum formuliert und den Weg dorthin nicht sinnvoll und überlegt plant, darf sich nicht wundern, wenn er sich nach der Berufstätigkeit in einer ganz anderen Situation wiederfindet. Die Tatsache des Digital Ageings bringt uns in eine Situation, in der die Menschheit immer älter wird, sie also zukünftig noch länger auf Liquidität angewiesen ist, als jetzt. Eine Ruhestandsplanung ist somit zwingend notwendig, damit auch bis ins hohe Alter ein vollumfassend entspanntes Leben geführt werden kann.

Fotos: Adobe Stock, contrastwerkstatt, goodluz