26.10.2015

Gerechtigkeit

Kategorie(n): Aktuelles, Allgemein

Gerechtigkeit ist ein großes Wort, unabhängig davon, ob es um weltpolitische Themen wie das Flüchtlingsdrama im Mittelmehr oder die Frage nach der richtigen Verteilung von Bewertungsreserven bei Lebensversicherungen geht. Jeder hat ein Bauchgefühl und eine Meinung, Diskussionen sind meist sehr emotional. Oliver J. Mack, Chief Operating Officer (COO) bei Hoesch & Partner wagt trotzdem einen Versuch, sich dem Thema zu nähern.

Aus gegebenem Anlass: Ein paar Vorbemerkungen

Wer sich in den Bergen in schwieriges Terrain begibt, der muss gut vorbereitet sein und die komplette Seilschaft über die Rahmenbedingungen informieren. Hier also ein kurzes Briefing zur Route.

1. Es gibt keine Objektivität

Heinrich von Kleist hat ein wunderbares Bild erdacht, um diesen Gedanken zu illustrieren: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.(Brief an Wilhelmine von Zenge (1801), http://www.kisc.meiji.ac.jp/~mmandel/recherche/kleist-gruene-glaeser.html)

Auch Rupert Lay erläuert diesen Gedanken etwas abstrakter(Lay, Rubert: Dialektik für Manager). In der Tradition von Sokrates, der seine Athener Mitbürger davon überzeugen wollte, „dass sie zwar sehr vieles zu wissen meinen (also sehr vieler Sachverhalte unzweifelhaft  sicher seien), dass sie aber in der Tat so gut wie nichts wüssten (d.h. nicht in der Lage seien, die Dinge so zu erkennen, wie sie tatsächlich sind).“ In Lays Worten liest sich dann wie folgt: „Wahrheit definieren wir also mit Aristoteles als die Eigenschaft einer Aussage, die sagt, was ist. Gewissheit, Sicherheit, Evidenz bezeichnen psychische Zustände, in denen es einem Menschen mehr oder weniger unmöglich ist, eine bestimmte Überzeugung sinnvoll zu bezweifeln.“
Was will ich damit sagen? Ganz einfach: Es kann durchaus einmal sein, dass zwei Menschen zu einem Sachverhalt unterschiedlicher Meinung sind und das ist kein großartiges Problem, sondern völlig normal.

2. Ich werde nicht politisch korrekt sein

Politische Korrektheit ist eine vermeintlich gute Idee aus Respekt und Toleranz für anders denkende. Aber Sie hat einen kleinen Schönheitsfehler: „…,dass mit dem Insistieren auf der politischen Korrektheit ein fundamentales Prinzip der Aufklärung über Bord geworfen wurde, nämlich dass nichts und niemand über Kritik erhaben sein darf. Die Ideologie der politischen Korrektheit stellt, …, eine groteske Verzerrung des aufklärerischen Toleranzprinzips dar.“( Strenger, Carlo: Zivilisierte Verachtung – Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit, edition suhrkamp, Berlin, 2015) Es darf also erst mal alles gedacht und geschrieben werden, Kritik muss ausgehalten werden, egal ob sachlich, emotional oder satirisch. Einzige Einschränkung: „Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt (Vgl. Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen) vom 26. August 1789, Artikel 4).

3. Mehr Fragen als Antworten

Vielleicht – oder soll ich sagen hoffentlich – haben Sie nach der Lektüre dieses Textes mehr Fragen als Antworten. Für mich wäre damit ein Ziel erreicht: Ich hätte Sie zum Nachdenken gebracht. Das ist mir wertvoller als der Versuch, Ihnen Antworten zu geben – das wäre ehrlich gesagt vermessen. Die Antworten, die Sie selbst finden, tragen eh weiter. Los geht´s!

Definitionen von Gerechtigkeit

„Der Mainstream der politischen Gegenwartsphilosophie von John Rawls über Ronald Dworkin zu Amartya Sen begreift Gerechtigkeit als Gleichheit. Eine gerechte Gesellschaft müsse all ihren Mitgliedern ein gleichermaßen gutes Leben ermöglichen.“

(Krebs, Angelika, Prof. Dr., Gleicheit, 2011, zitiert nach http://www.enzyklopaedie-rechtsphilosophie.net/inhaltsverzeichnis/19-beitraege/97-gleichheit)

Es gibt aber ein weites Feld der Egalitarismus-Kritik, die aus unterschiedlichen Gründen – z.B. weil die Bedürfnisse eines jeden einzelnen unterschiedlich sind -, die These vertreten, dass Gerechtigkeit eben gerade nicht Gleichheit ist. Bei Gerechtigkeit können laut Gablers Wirtschaftslexikon (Gablers Wirtschaftslexikon (online), http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/gerechtigkeit.html#definition) zwei Aspekte differenziert werden:

a) Begriffsdefinition: „Gerechtigkeit ist der feste und dauernde Wille, jedem sein Recht zuzuteilen“.
(Definition liefert der römische Jurist Ulpian (170–228 n. Chr.) Wobei in der Praxis die zentrale Frage ist wie dieses „sein Recht“ definiert wird.

b) Tugend: Seit der Antike gilt Gerechtigkeit als höchste Tugend im Zusammenleben der Menschen. Bei einem Tausch geht es darum, dass das Getauschte von allen Beteiligten als äquivalent bewertet wird. Bei der verteilenden Gerechtigkeit, geht es darum, dass eine übergeordnete Instanz nach nachvollziehbaren Kriterien an Untergeordnete verteilt.

Dieser letzte Aspekt darf nicht mit Verteilungsgerechtigkeit der aktuellen politischen Diskussion verwechselt werden, die vielfach Elemente der Verteilungsgleichheit in sich trägt.

Das Leben ist nicht gerecht

Auch deshalb gibt es Versicherungen. Denn wenn alles plan- und vorhersehbar wäre, wenn nur die schlechten Menschen Schicksalsschläge wie Krankheit, Unfall oder Tod ereilten, wenn es einen klaren kausalen wenn-dann-Zusammenhang zwischen Verhalten oder Charakter und dem daraus folgenden – gerecht -zutreffenden Leben gäbe – dann bräuchte es weniger oder keine Versicherungen. So ist das Leben aber nicht. Oft empfinden wir Menschen diese Schicksalsschläge als himmelschreiende Ungerechtigkeit. Und wir versuchen bestimmte Teilaspekte der Ungerechtigkeit, in der Regel diejenigen, die finanzieller Natur sind, durch Versicherungen abzumildern. Wenn wir durch eine Krankheit unseren Beruf nicht mehr ausüben können oder wenn ein Mensch plötzlich zu Tode kommt, gibt es keine Versicherung für das daraus resultierende Leid. Maximal kann ein finanzieller Fall ins Bodenlose verhindert werden. Das ist im Gesamtkontext vielleicht nicht viel, aber es ist auch nicht unwichtig, wenigsten dieser Teil des Leids kann abgemildert werden. Deshalb kann Versicherung aus meiner Sicht auch einen Beitrag zur Gerechtigkeit leisten. Denn Risiken, die ein einzelner gar nicht oder nur unter großen persönlichen Opfern tragen könnte, können von der Versichertengemeinschaft tragbar gemacht werden. Jeder leistet einen kleinen Beitrag, so dass die einzelnen, die das Risiko trifft, eine größere Kompensation bekommen können. Ein sehr gerechtes Prinzip. Dennoch werden innerhalb der Versicherungsbranche auch kleinere und größere Debatten geführt, wie bestimmte Fragen gerecht beantwortet werden können. Die Frage „Was gerecht ist?“ möchte ich anhand von vier konkreten Beispielen erörtern.

Unisex-Tarife in Europa

Sie wurden im Jahr 2012 eingeführt und mir ist sehr wohl bewusst, dass ich mich hier gleich beim ersten Beispiel auf politisch unkorrektes Gelände begebe. Denn es geht hier im großen Bild, um die Frage der Gleichstellung von Mann und Frau und wer kann oder will da schon etwas dagegen einwenden? Ich nicht! Warum sollen Frauen höhere Krankenversicherungsbeiträge bezahlen, nur weil sie die Kinder bekommen und eine Geburt nun mal Kosten verursacht. Die Männer sind schließlich auch daran beteiligt, sollen sie auch dafür bezahlen. Das ist nur gerecht! Aber wie ist es mit der unterschiedlichen Lebenserwartung? Frauen leben nun mal länger als Männer und je älter man wird, desto höher werden die eigenen Gesundheitskosten.  Will man diese Art Fragen noch stellen? Ich schon! Ist das jetzt gerecht, dass alle Männer in der privaten Rentenversicherung für das längere Leben der Frauen mitbezahlen? Die Frage, darf jeder für sich selbst beantworten.
Denn es könnte insgesamt noch eine größere Ungerechtigkeit für Männlein und Weiblein in den Unisextarifen verpackt sein: Bei der Kalkulation eines solchen Unisex-Tarifes muss eine Annahme getroffen werden, wie die Zusammensetzung in Bezug auf die Geschlechter wohl sein wird. Und das Blöde ist, dass es niemand vorher wissen kann, denn es gibt einige Unbekannte: Schließen jetzt mehr Frauen ab – es wird ja billiger für sie – und vielleicht weniger Männer – wegen der gestiegenen Beiträge? Dann würde  es ein schlechtes Geschäft. Was also tun? Im Nachhinein die Beiträge erhöhen möchte kein Anbieter, also kalkuliert man von vorneherein einen Puffer ein. Das bedeutet, dass es für alle teurer wird! Führen die Unisex-Tarife also zu mehr Gerechtigkeit?

Krankenversicherung in Amerika

Im alten Europa empfinden wir es als großen Beitrag zur Gerechtigkeit, dass z.B. wie in Deutschland Krankenversicherungspflicht herrscht. Das ist nicht überall auf der Welt so, wie die teils emotional, teils unsachlich geführte Debatte um die sogenannte Obamacare in den USA zeigen. Für viele Menschen dieseits des Atlantiks stellt sich die Frage, ob das sinnvoll oder gerecht ist gar nicht. Und wer die US-Amerikaner verstehen will oder zumindest einen Zugang zu dieser Diskussion finden will, muss einen zumindest oberflächlichen Blick in die Geschichte wagen: Die Auswanderer, die vor vielen Jahrhunderten aus Europa nach USA gegangen  sind, haben das oft getan, um einer – teils religiösen – Bevormundung durch den Staat zu entkommen. Hinzu kommt, dass es ein tief geprägtes Verständnis im puritanischen und calvinistischen Glaubensverständnis gab, dass persönliches Wohlergehen ein Ausdruck von Gottes Segen sei. Beide Prägungen sind in manchen Landstrichen der USA bis heute Teil des kulturellen Grundverständnisses: Der Staat soll sich aus möglichst vielem heraushalten und jeder ist für sein Leben – vielleicht noch vor Gott als letzter Instanz – selbst verantwortlich. Da wird selbst eine gut gemeinte, jedoch staatlich verordnete Krankenversicherung schnell als ungerechte Einmischung empfunden. Was  ist nun gerecht? Persönliche Freiheit oder staatliche Verpflichtung?

Bewertungsreserven in der Lebensversicherung

Die Diskussion kann auf wenige Worte in einer Frage zugespitzt werden: „Wem gehört das Geld?“ Es geht um die sogenannten stillen Reserven und die Frage, wann und damit auch an wen sie ausgezahlt werden. Verbraucherschützer argumentieren, dass diejenigen davon profitieren müssen, während deren Vertragslaufzeit diese Reserven erwirtschaftet wurden. Deswegen befürworten Sie eine höhere Auszahlung bei den jetzt ablaufenden Verträgen. Die Gesellschaften argumentieren, dass derartige Gewinne nicht planbar, sondern von der Entwicklung der Entwicklung der Kapitalmärkte abhängig sind, warum sie gerne freier darüber verfügen möchten und diese Reserven dann einsetzen, wenn sie für die Versichertengemeinschaft gebraucht würden. Zum Beispiel aktuell für die Bildung der Zinszusatzreserve oder die Überbrückung von Zeiten, die nicht so ertragsstark sind. Versicherung hat etwas mit Solidarität und Risiko-Ausgleich zwischen den Versicherten zu tun. Aber wie viel kann, soll oder darf den Versicherten, deren Lebensversicherungsverträge nun auslaufen, weggenommen oder zumindest vorenthalten werden? Und wie viel davon darf den neuen oder gar den zukünftigen Kunden mehr oder weniger „unverdient“ zu Gute kommen? Es geht hier teilweise um einige tausend Euro pro Vertrag und in der Summe um Milliarden – also kein Pappenstiel! Welche Regeln werden benötigt? Wie detailliert muss der Gesetzgeber das ggf. vorgeben? Es bleibt also die Frage: Welche Verteilung ist nun gerecht?

Wem gehören die Überschüsse eines Lebensversicherers

Es gibt viele Beteiligte, die das Geld eines Unternehmens haben wollen: Versicherte (Kunden), Mitarbeiter (Löhne), das Unternehmen selbst (Investitionen) oder die Eigentümer/Aktionäre (Rendite). Ich greife einmal zwei Spannungsfelder heraus. Die Bezahlung von Vertriebsmitarbeitern und die Dividende an Aktionäre.
Wer im Verkauf und in der Beratung von Kunden überdurchschnittlich erfolgreich ist, kann überdurchschnittlich gut verdienen. Natürlich sind monetäre Anreize ein legitime Motivation und Teil des Anreizsystems, dass Menschen Höchstleistungen vollbringen. Aber bezahlen tut diese Vergütung am Ende der Kunde. Ist das gerecht? Oder ist das eine ungerechte und unsinnige Mittelverwendung?
Genauso die Frage nach der Dividende: Anteilseigner wollen eine angemessene Vergütung. Das ist normal, warum sollen sie sonst einem Unternehmen ihr Geld zur Verfügung stellen. Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit kokettieren damit, dass sie diesen Konflikt nicht haben, da die Versicherten gleichzeitig die Eigentümer sind. Jeder Euro, der mehr an die Aktionäre ausgeschüttet wird, könnte auch dem Vertragsguthaben der Versicherten gutgeschrieben werden und damit die Rendite erhöhen. Und da es auch noch um eine im weitesten Sinne soziale Frage nach der Altersvorsorge geht, wird die Diskussion um die Gerechtigkeit an dieser Stelle besonders emotional und intensiv geführt.

Die Frage nach der Gesundheit

Gerade Krankenversicherung und Altersvorsorge haben einen sozialen Aspekt, nicht umsonst werden die gesetzlichen Einrichtungen in diesem Bereich auch als Sozialversicherung bezeichnet. Gerade in den Sparten Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung wird den privaten Anbietern vorgeworfen, dass sie ein irgendwie auch ungerechtes Cherry-Picking veranstalten, in dem sie vor allem die Jungen, die Gesunden, die gut Gebildeten und die überdurchschnittlich Verdienenden versichern wollten. Nehmen wir mal den Aspekt Gesundheit in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Diese Versicherung zur Absicherung der Arbeitskraft ist sehr wichtig, da sind sich Verbraucherschützer und Versicherungsbranche ausnahmsweise mal einig. Als Hintergrund muss man wissen, dass sie der Staat vor einigen Jahren aus diesem Segment zurückgezogen hat und nur noch eine rudimentäre Basisabsicherung in Form einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung bietet. Dazu kommt, dass Gesundheit in vielen Fällen ein Geschenk und kein Verdienst ist – abgesehen von Ausnahmen wie durch Rauchen verursachter Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Probleme aufgrund von Bewegungsmangel und Übergewicht. Da der Gesundheitszustand objektiv eingeschätzt werden kann und es klare Korrelationen zwischen bestimmten Krankheiten und einer späteren Berufsunfähigkeitswahrscheinlichkeit gibt, verlangen Versicherer sogenannte Risikozuschläge oder versichern Menschen mit bestimmten Krankheitsbildern nur eingeschränkt oder gar nicht. Ist das nun legitimes Vorgehen oder eine himmelschreiende Ungerechtigkeit der Versicherer? In letzter Zeit werden vermehrt Stimmen laut, die fordern, dass Versicherer für mehr Menschen Berufsunfähigkeitsschutz zu bezahlbaren Beiträgen zur Verfügung stellen müssten, sonst würden sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nachkommen. Oder ist etwa diese Forderung ungerecht, weil sie von einem Privatunternehmen verlangt, Geschäfte einzugehen, die unvermeidlich zu einem wirtschaftlichen Verlust führen? Verlangte man in solchen Fällen von einem Versicherungsunternehmen etwas, das nur die Sozialversicherung im Rahmen einer Pflichtversicherung leisten kann, da es dann kein subjektives Risiko gibt. Das meint, dass Menschen mit Vorerkrankungen tendenziell eher dazu bereit sind, eine Versicherung abzuschließen als Gesunde und es somit zu einer negativen Risikoselektion kommt. Wie sieht hier Gerechtigkeit aus?

Gerechtigkeit muss immer wieder neu definiert werden

Gerade weil es keine einfachen Antworten gibt, gerade weil sich die Rahmenbedingungen unseres Lebens ständig ändern und gerade weil Gerechtigkeit ein Thema ist, das von Emotion, Sozialisierung und Werten geprägt wird, müssen wir  uns auch und gerade in unserer Branche immer wieder der gesellschaftlichen Diskussion stellen und um Gerechtigkeit ringen. Wir verkaufen nun mal keine Autos. Ob eine S-Klasse oder ein 911er ein gerechte Auto ist, mag eine interessante Frage für eine philosophische Abhandlung sein, die praktische Relevanz ist vielleicht weniger stark ausgeprägt. Bei einem existenziellen Versicherungsschutz wie der Berufsunfähigkeitsversicherung und der Frage, wer sich zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis versichern kann, sieht das ganz anders aus.

Fazit: Große Fragen und Luxusprobleme

Der Harvardprofessor Michael J. Sandel, der viel über Gerechtigkeit publiziert (vgl. Sandel, Michael J., Gerechtigkeit: Wie wir das richtige tun, Ullstein Verlag) fordert sowohl von einzelnen Menschen als auch von Verantwortungsträgern in Politik und Wirtschaft, sich diesen großen Fragen und philosophischen Fragen zu stellen. Wenn wir alles nur technokratisch und unter dem Aspekt der Markteffizienz betrachten, dann verkommt auch die soziale Marktwirtschaft von einem Tool, das unser Leben zum Besseren gestaltet, zu einem ökonomisierten Lebensstil, der unser Leben dominiert (Vgl. Vortrag „Was man für Geld nicht kaufen kann“ von Michael J. Sandel, 5. Juni 2015, Dt. Evangelischer Kirchentag, Stuttgart). Und sehr wahrscheinlich wollen die meisten von genau das nicht.

Und welchen Luxus wir in diesen Fragen in Deutschland genießen, zeigen uns zum Beispiel die Ausführungen von Nobelpreisträger Jeffrey D. Sachs (Sachs, Jeffrey D., Das Ende der Armut: Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt.), der die Frage aufwirft, ob die Sweatshops in Südostasien, die zwar nach westliche Maßstäben menschunwürdige Arbeitsbedingungen bieten, nicht doch ein Beitrag zu einer gerechteren Welt seien, da sie gerade Frauen die Möglichkeit eröffnen, ein ökonomisch unabhängiges und in gewissen Teilen selbstbestimmtes Leben zu führen. Gerade angesichts der Alternative des Lebens auf dem rückständigen, traditionell-konservativ geprägten Land, in totaler Abhängigkeit des Ehemanns, der sie im schlimmsten Falle zwei Mal die Woche vergewaltigt.

Die Diskussion um Gerechtigkeit ist weder einfach noch immer angenehm. Diskutieren wir trotzdem. Das Ringen um Gerechtigkeit kann uns vieles abfordern und ist unbequem. Ringen wir trotzdem darum. Die Aussicht auf Gerechtigkeit – egal in welchem Lebensbereich – ist es wert.