03.09.2015

Kategorie(n): Aktuelles, Allgemein

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Der Titel ist ein Hingucker. Goldenes Cover, die – zugegeben etwas abgedroschene Synergieformel – 1+1=3 und dann was alles gerne lesen: „Die Zahlentrickser – Wie Versicherer, Banken und Konzerne unser Verhalten manipulieren.“ Ergänzt um das Versprechen „…und wie man sie durchschaut“.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der Artikel ist nett und an manchen Punkten eine Enttäuschung. Aber das muss ernüchterndes Urteil sein für ein führendes Wirtschaftsmagazin. Ich sage Ihnen auch,  warum er nur nett ist:

  • Es ist eine Auflistung von gemeinhin bekannten Geschichten über Produkte, bei denen Kunden nicht nur rationale, sondern, aus welchen Gründen auch immer,  irrationale – und damit teure – Kaufentscheidungen treffen.
  • Natürlich ist es aus technischer Sicht richtig, dass es Smartphones gibt, die ein günstigeres Preis-Leistungsverhältnis haben als Apples iPhone. Aber meines Wissens leben wir in einem freien Land, mit freien Bürgern, die entscheiden können, ob Sie den höheren Preis bezahlen möchten. Kein Wort dazu, dass eben Image, Status und andere Kriterien auch noch eine Rolle spielen und der Kunde wohl in der Praxis – ob bewusst oder unbewusst, ob reflektiert oder unreflektiert – bereit ist, dafür zu bezahlen.
  • Schuld sind aber immer nur die bösen Anbieter, die tricksen, manipulieren oder den armen Verbraucher auf kuriose Weise zu überteuerten Deals verführen. Kein Wort zu Verantwortung des mündigen Verbrauchers.

Und hier fängt es an, enttäuschend zu werden. Scheinbar ist dieses Schwarz und Weiß einfacher. Dass die Banken und Versicherer als Branchen auf den Titel gehoben werden – geschenkt. Die stehen eh schon in der Schmuddelecke, das bestätigt die vorhandene Einschätzung, das liest man gerne.

Es geht aber noch weiter und wird, im negativen Sinne, noch besser: Am Ende des Artikels gibt der Autor noch einen Tipp, wie die Verbraucher auf das Vorgehen der Unternehmen – gerade in der Finanzbranche – reagieren sollten. Da der Abschnitt so skurril ist, zitiere ich mal einen längeren Abschnitt:

„Was also tun? Wer die Finten durchschaut, kann bewusst gegenhalten. Aber das ist mühsam und der Erfolg ungewiss. Die Alternative: Aktien von Versicherungen und Banken kaufen. Denn was Konsumgüterhersteller perfektioniert haben, steckt bei den Finanzdienstleistern erst in den Anfängen – zumindest bei Instituten bei starkem Privatkundengeschäft. Das Aufhol- und Gewinnpotenzial ist gewaltig.“(Capital, September 2015, S. 123)

Ich habe den Abschnitt mehrfach gelesen, da ich nicht glauben konnte, was ich las. Und ehrlich gesagt auch nicht glauben wollte, was da inhaltlich ausgesagt wird. Es sind zwei so krasse Ungeheuerlichkeiten:

  1. Durchschauen und dagegenhalten ist mühsam und der Erfolg ungewiss. Im Klartext heißt das: Lieber Verbraucher, lass Dich ruhig weiter verarschen, nachdenken ist zu anstrengend für Dich und es lohnt sich eh nicht. Ich fass es nicht.

Hallo, Capital, denkt Ihr wirklich so über Eure Leser. Ist das der Anspruch, den Eure Tipps, wie man Konzerne durchschaut, haben? Einfach nur arm.

  1. Und der zweite Punkt ist nicht viel besser: Sechs Seiten lang werden die manipulativen Machenschaften der Konzerne angeprangert und am Ende wird empfohlen, genau in diese Läden zu investieren, da das Gewinnpotenzial so gewaltig ist. Was ist denn das für eine Ethik? Ich kann das nur mit Kapitulation und Bankrotterklärung umschreiben. Ich finde es zwar nicht in Ordnung, aber dann wechsle ich eben die Seiten – in dem Fall dann auf die dunkle Seite – und profitiere wenigstens finanziell von dem Vorgehen, dass ich für nicht gut halte.

Fazit: Ein wirklich fragwürdiger Artikel, durchschnittliche Story mit katastrophalen Handlungsempfehlungen. Es bleibt aber eine Frage offen und die zieht sich durch den kompletten Artikel: Was hat das Capital für ein Menschenbild?
Hi Capital-Redaktion, was habt Ihr denn für ein Menschenbild?!?

Die bösen Konzerne führen die naiven Verbraucher hinters Licht. Da gehören doch irgendwie zwei dazu. Mich veräppelt Apple nicht, ich habe ein iPhone 4S, das ich mir vor einigen Monaten für 72 EUR gekauft habe. Warum? Weil es mir technisch völlig ausreicht, weil ich nicht bereit bin 600 oder 700 EUR für ein iPhone zu zahlen und weil ich gerne auf das Image des goldenen 6S verzichte. Da kann Apple sein Pricing strategisch aufstellen wie es will, transparent oder manipulativ – sorry mich kriegen sie nicht! Warum wird im Artikel nicht mal die Frage nach der Selbstverantwortung des mündigen Verbrauchers gestellt? Stattdessen bekommt er die Handlungsempfehlung, in die Läden, die ihn manipulieren, zu investieren?  Und im gleichen Atemzug bekommt er gesagt, dass ein Widerstand gegen solch manipuliertes Verhalten eh selten zum Erfolg führt. Schwach!