08.07.2015

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In der Berliner Politik gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das auch alle Neulinge schnell begreifen. Des Deutschen liebstes Spielzeug – sein Auto – ist ein Tabu. Deshalb darf man auf deutschen Autobahnen so schnell fahren wie man will – freie Fahrt für freie Bürger – und deshalb ist es trotz aller Umweltschutzbemühungen um CO2-Reduktion egal, ob ein Auto drei oder 30 Liter Sprit frisst. Wer die Nutzung dieses Spielzeugs in irgendeiner Form einschränken oder reglementieren will, wandelt nahe am politischen Selbstmord.

Nun könnte man meinen, das sei nicht so schlimm, denn schließlich wird viel für Verkehrssicherheit getan und die Zahl der Verkehrstoten zeigt einen rückläufigen Trend. Mag sein, aber es gibt einen Trend, dem die ZEIT in ihrer letzten Ausgabe ein dreiseitiges Dossier gewidmet hat. Das Aufmacherbild ist mit folgendem Text versehen:

40 Prozent
der alten Autofahrer
brauchen eine
stärkere
Brille

Das ist ein interessanter und zugleich symptomatischer Fakt: Bei der Führerscheinprüfung gibt es eine ärztliche Untersuchung. Und die nächsten 80 Jahre prüft sich jeder selbst. „Wir setzen auf Freiwilligkeit“ heißt es dazu anonym aus dem Verkehrsministerium. Und das Problem der fahrenden Alten, die ihr „heilig‘s Blechle“ nicht mehr beherrschen wird rapide zunehmen, denn die Babyboomer, die jetzt in Rente gehen, sind mit dem Auto als Zeichen von Freiheit, Unabhängigkeit und Status aufgewachsen und haben Gefährt eine teils innigere Beziehung als zu ihren familiären Gefährten. Und die sollen ihren Lappen freiwillig abgeben. Eine spannende, aber wenig überzeugende Idee.

Aber wer wagt sich politisch-regulatorisch an dieses Projekt. Ein Beispiel. Jedes Jahr werden in Deutschland ca. 1800 Geisterfahrer gemeldet. Das heißt, im Schnitt geht jeden Tag fünf Mal die Meldung über´s Radio: „Achtung Gefahrenmeldung, Geisterfahrer auf der Autobahn A sowieso, fahren Sie äußerst vorsichtig, überholen Sie nicht, wir melden es, wenn die Gefahr nicht mehr besteht.“ 500 dieser Geisterfahrer werden gestellt, der Rest schafft es umzudrehen oder verschwindet sonst irgendwie. Der größte Anteil sind – nein, nicht junge Verkehrsrowdys, denen die Erfahrung fehlt – Alte. Die zwar Erfahrung haben, aber nicht mehr genug Konzentration, Sehkraft, Umsicht, Überblick… Nennen Sie es wie Sie es wollen, die am Ende des Tages nicht mehr in der Lage sind ein Auto so sicher über die Straßen zu lenken, dass andere und sie selbst nicht gefährdet sind.

Bei den Versicherungsprämien wird sich das auswirken, sofern die Versicherung gewechselt wird. So lange nix passiert, bleiben die Prämien niedrig. Niemand scheint eine Lösung für ein akuter werdendes Problem zu haben, dass uns alle betrifft, denn wir sind alle Verkehrsteilnehmer

 

Ein Gedanke zu „Ungewollte Verkehrsrowdys in einer alternden Gesellschaft“

  1. Steffen Otte sagt:

    Ich fahre knapp 40.000 km im Jahr und der passende Werbespruch aus meiner Erfahrung nach wäre eher:

    40% der jungen Autofahrer brauchen hochdosiertes Baldrian.

    Diese Raserei, Aggressivität und Rücksichtslosigkeit auf deutschen Straßen ist purer Wahnsinn, mit dem die „Alten“ schlichtweg überfordert sind. Wir brauchen eine Geschwindigkeitsreduzierung auf den Autobahnen und damit mehr Gelassenheit. 140 max. Dann verursachen nicht nur die“Alten“ weniger Unfälle, sondern auch die „Jungen, die bei der gleichen Argumentation ebenso freiwillig ihren Lappen abgeben müssten.

    Deutsche werden nun einmal immer älter, was eine große Herausforderung für alle sein wird, nicht nur im Straßenverkehr.

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