17.03.2015

Kategorie(n): Allgemein, Verbraucherschutz

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Man kann nicht immer beeinflussen, was die Presse über einen schreibt. Deshalb ist eine Überschrift wie „Die große Abrechnung“ nicht unbedingt dem Interviewten zuzurechnen. Aber am größten ist die Einflussmöglichkeit bei einem Interview: Der komplette Text ist Zitat, der Text wird autorisiert, die Lenkungsmöglichkeiten des Journalisten sind auf die Frage beschränkt. Wer aber Sachen sagt, wie „Und die Verbraucher stehen einem rücksichtslosen Vermittlermarkt gegenüber.“ Der ist eher auf Krawall gebürstet anstatt eine zielführende Diskussion zu suchen. Klar werden solche Aussagen von der Presse goutiert und sorgen eher für Aufmerksamkeit und Auflage als sachliche Argumente.

Schauen wir uns ein paar Aussagen von Wolfgang Schuldzinski, neuer Vorstand der Verbraucherzentrale NRW, im Handelsblatt im Detail an. Aussagen die etwas weniger verunglimpfenden für einen ganzen Berufsstand sind, also die oben zitierten, die aber dennoch ein paar Anmerkungen verdienen:

„Die Versicherer erklären, ihre Vertriebe seien gut geschult und die Beratung sei fair.
Das kann ich nicht bestätigen. Wir haben 326 Verträge untersucht. Bei jeder fünften Police deckt die Berufsunfähigkeitsrente nicht mal den Hartz-IV-Satz zur Sicherung des Existenzminimums ab. Solche Policen sind für die Versicherten oft Geldverschwendung.“

Interessant wäre hier erst mal wie sich die 326 Verträge zusammensetzen, sind sie repräsentativ – das wird zumindest suggeriert oder ist es eine zufällige Zusammensetzung, die nur eine eingeschränkte Aussagekraft hat. Und dann wird so getan, als ob die Höhe der abgeschlossenen Berufsunfähigkeitsrente nur vom Berater abhängt. Man kann davon ausgehen – zumindest in der Sichtweise der Verbraucherschützer – dass der Berater an einer möglichst hohen Rente interessiert ist, die würde mehr Provision bringen. Die Frage, was denkt der Kunde, was kann er sich leisten, könnte auch eine Rolle spielen. Aber das macht die Sache natürlich komplizierter und es ist einfacher das erst Mal dem Berater in die Schuhe zu schieben. Eine kleine BU-Rente kann ein sinnvoller Einstieg sein, wenn man in den folgenden Jahren noch was zusätzlich abschließt, z.B. bei entsprechender Gehaltsentwicklung. Da ist es einfacher nach Vater Staat zu rufen und eine Mindestrente zu fordern. Das löst nicht alle Probleme, denn bezahlen muss es ja trotzdem jemand – warum wurde die staatliche Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsabsicherung so reduziert? – Richtig, aus Kostengründen.

„Trotz aller Krisen an den Märkten waren Lebenspolicen bisher doch sicher.
Mal sehen, wie lange noch. Es gibt so viele Kritikpunkte. Das Produkt war doch noch nie wirklich transparent. Ich glaube, vielen Verbrauchern ist immer noch nicht klar, dass der Garantiezins nie für den Anlagebetrag galt, sondern nur für den Sparanteil, der nach Abzug sämtlicher Gebühren noch übrig bleibt..“

Interessant, was Herr Schuldzinski für ein Bild vom Verbraucher hat. Viele verstehen nach seiner Einschätzung die Produkte gar nicht. Reden wir nun vom mündigen Verbraucher oder ist derjenige, der ein bisserl deppert ist für die Verbraucherschützer viel geschickter, da ihm ja geholfen werden und er beschützt werden muss? In unserer Beratungspraxis begegnen uns viele mündige Verbraucher, die sehr gut Bescheid wissen und detaillierte Fragen stellen. Die wissen genau, was sie wollen und denen kann man nichts vormachen, sondern muss seine Empfehlungen im Detail begründen.

„Sie haben viele Probleme der privaten Altersvorsorge angesprochen. Wie können Verbraucher denn fürs Alter vorsorgen?
Die Welt in der Geldanlage hat sich fundamental geändert. Die Menschen müssen Eigenverantwortung für ihre Altersvorsorge übernehmen. Die Zeiten, in denen sie ihrem Finanzberater blind vertrauen konnten, sind endgültig vorbei. Verbraucher müssen sich mit Alternativen zu den gewohnten Vorsorgeprodukten beschäftigen. Die gibt es heute am Aktienmarkt. Wenn man eine ansprechende Rendite erzielen will, muss man über Aktienanlagen nachdenken.“

Hochinteressante Kehrtwende! Der Verbraucherschützer empfiehlt Aktien. Das hätte man sich vor einigen Jahren noch nicht träumen lassen. Ob das weiterhilft sei mal dahingestellt. Bei einer anderen Frage kommt zur Lebens- und Rentenversicherung die pauschale Aussage: „Neuabschlüsse sind nach unserer Ansicht nicht sinnvoll.“ Das zusammengenommen übersieht mindestens zwei Punkte:

  1. Pauschale Aussagen sind immer bescheiden, denn das Risiko der Langlebigkeit kann man nur mit einem Produkt absichern: Mit einer Leibrente also mit einer Rentenversicherung. Denn das geht nur im Kollektiv, nicht individuell. Und schon gar nicht mit Aktien. Denn niemand weiß, wie lange er lebt. Und wenn am Ende des Geldes noch Leben übrig ist, ist das ziemlich lästig. Aber so einen Aspekt muss man bei seinen Empfehlungen nicht berücksichtigen, vor allem dann wenn er nicht in die eigene Argumentationslinie passt, nämlich gegen die bösen Versicherer. Schade.
  2. Wer bei einem DAX von fast 12.000 Punkten Aktien empfiehlt, der sollte doch mindestens einen halben Satz über den Einstiegszeitpunkt verlieren. Ich bin kein Börsenexperte. Aber so viel weiß sogar ich: Die Masse steigt zu spät ein, nämlich dann wenn der Markt boomt und schon kräftig gestiegen ist. Das ist mehr als schade, das ist gefährlich. Aber wenn man nicht für seine Empfehlungen haftet, kann man das schon mal machen.

Und noch was – Die Aussage „Die Zeiten, in denen sie ihrem Finanzberater blind vertrauen konnten, sind endgültig vorbei.“ impliziert ja, dass es die Zeiten in denen man einem Finanzberater blind vertrauen konnte einmal gab? Das fasse ich nicht. Kann man sowas wirklich denken bzw. Kunden unterstellen? Aber das Kundenbild des Herrn Schuldzinski hatten wir ja schon.

Es wird auch mit diesem Verbraucherschützer eine interessante und intensive Auseinandersetzung geben, auf die ich mich freue und der ich voller Selbstbewusstsein entgegen sehe. Unseren Kunden möchte ich folgende Übersicht ans Herz legen:

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Anbieter 2 sind die Verbraucherschützer wie z.B. die Verbraucherzentralen. Anbieter 1 sind z.B. wir als Versicherungsmakler. Vielleicht überrascht das den einen oder anderen. Willkommen in der Realität.