16.03.2015

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Stellungnahme von Stefan Reker, Sprecher des PKV-Verbandes, zum Artikel „Fluchtwege aus der privaten Kasse“, DIE WELT vom 7.3.2015 und Blog-Artikel vom 9.3.2015 „Private Krankenversicherung: Die Welt“ und die angebliche Sehnsucht nach der Gesetzlichen.“

  1. Die Behauptung „Millionen langjährig Versicherte ächzen auch 2015 unter der Prämien-last“ ist in keiner Weise belegt – und widerspricht eklatant der Tatsache, dass es in den Jahren 2013, 2014 und 2015 in den PKV-Bestandstarifen große Beitragsstabilität gab, verbreitet sogar Beitragssenkungen und ansonsten im Schnitt sehr geringe Erhöhungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich.Der PKV-Verband verfügt zwar nicht über eigene Statistiken zur Beitragsentwicklung in den Tarifen der einzelnen Mitgliedsunternehmen, doch der unabhängige Rating-Dienst „MAP-Report“ kommt z.B. zu folgenden veröffentlichten Ergebnissen für die PKV-Bestandstarife:

    2014: durchschnittlich + 1,69 % (Beamte: + 1,96%)
    2013: durchschnittlich + 1,76 % (Beamte: + 1,64%)

    Ein ähnliches Bild ergibt sich auch aus den Veröffentlichungen großer PKV-Unternehmen, siehe z.B. folgenden Artikel aus dem Handelsblatt:

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  1. Die Behauptung „Vor allem Altkunden, deren Gehalt nicht deutlich über der Verdienst-grenze liegt, sowie Senioren haben oft Mühe, ihre Prämien von 600 bis 800 Euro im Monat zu stemmen“ wird ebenfalls nicht belegt.

    Stefan Reker

    Stefan Reker

    Sprecher PKV-Verband

     

    Da der PKV-Verband wie gesagt nicht über Daten aus den einzelnen Tarifen der Mitglieds-unternehmen verfügt, sei auf eine Untersuchung des unabhängigen Analysedienstes „Premium Circle“ hingewiesen, vorgestellt auf einer Pressekonferenz in Berlin am 6.2.2014. Demnach zahlen insgesamt nur 5,2 % aller Privatversicherten Beiträge über 600 Euro (wobei der Vergleichsbeitrag für freiwillig versicherte Arbeitnehmer in den gesetzlichen Kranken-kassen übrigens 639 Euro beträgt). Von den über 60-jährigen Privatversicherten zahlen demnach nur 1,6 Prozent mehr als 600 Euro, von den über 80-jährigen sogar nur 0,2 Prozent der Privatversicherten.

  2. Der Artikel thematisiert ausschließlich die Möglichkeiten zu einem Wechsel in die GKV und lässt damit völlig außer Betracht, dass es auch innerhalb der PKV für Bestandskunden einen Tarif mit vergleichbaren Leistungen wie in der GKV gibt, in dem überdies die ange-sammelten Alterungsrückstellungen komplett beitragsmindernd angerechnet werden.
    In diesem gut funktionierenden Sozialtarif („Standardtarif“) beträgt der Durchschnitts-beitrag 283 Euro, wobei es bis zu 130 Euro Zuschuss von der Rentenversicherung gibt.
    Privatversicherte müssen also nicht in die GKV wechseln, wenn sie im Alter einen niedri-geren Beitrag anstreben wollen – überdies ist der Standardtarif im Kernbereich der medizinischen Versorgung sogar etwas leistungsstärker als die GKV, also etwa in der ambulanten ärztlichen Versorgung (durch eine höhere Vergütung) sowie in der zahnärztlichen Behandlung und beim Zahnersatz (da die Beschränkung auf die Regelversorgung der GKV hier nicht gilt).Leider wurde dieser Standardtarif meines Wissens in keinem einzigen Artikel der WELT, der sich mit der Beitragshöhe im Alter auseinandersetzte, jemals berücksichtigt.
    Seit der Gesundheitsreform von Ministerin Ulla Schmidt ist der Standardtarif für neue PKV-Versicherte ab 1.1.2009 versperrt, sie werden stattdessen auf den (deutlich teureren) Basis-tarif verwiesen. Der PKV-Verband setzt sich daher dafür ein, den Standardtarif auch für alle Neukunden seit 2009 zu öffnen. Der Gesetzgeber sollte den Weg in diesen günstigen Sozialtarif nicht länger beschränken, sondern ihn wieder für alle Privatversicherten öffnen, wozu die große Koalition bisher aber nicht bereit ist. Auch über dieses Thema hat die WELT meines Wissens bisher nicht berichtet.
  3. Die Behauptung „Unzählige Privatpatienten wünschen sich für 2015 vor allem eins: Raus aus der teuren privaten Krankenversicherung“ gleich zu Beginn des Artikels wird ebenfalls nicht belegt.Egal, welche repräsentative Umfrage Sie nehmen (Allensbach, EMNID, Assekurata, Kundenmonitor Deutschland): überall ergibt sich eine Kundenzufriedenheit der PKV-Versicherten von 90 bis 96 Prozent. Bei insgesamt knapp 9 Millionen Privatversicherten können somit keinesfalls „Millionen“ oder gar „Unzählige“ unzufrieden sein bzw. „ächzen“. Auch die Zahlen der von der PKV in die GKV wechselnden Versicherten können nicht als Beleg dienen, denn in den allermeisten Fällen beruhen diese Wechsel auf dem Eintreten der Versicherungspflicht – die Betroffenen müssen also in die GKV, egal ob sie wollen oder nicht. Das betrifft z.B. pro Jahr zigtausende Selbstständige, die sich zum Wechsel in ein Arbeitnehmerverhältnis unterhalb der Entgeltgrenze von 54.900 € entschließen, sowie zigtausende jugendliche Privatversicherte bei der Aufnahme einer Lehr- oder Arbeitsstelle.
    Wir haben übrigens beim PKV-Verband und bei den Versicherungsunternehmen jeden Tag zahlreiche Anrufe von Versicherten mit der Frage, wie sie erreichen können, dass sie in solchen Situationen in der PKV bleiben dürfen.
  4. Abschließend noch eine Anmerkung zur Wortwahl des Artikels: Zitate wie „wollen nur eins: raus…“ oder „ächzen unter“ sowie PKV „abschütteln“ sprechen bereits stilistisch nicht gerade für eine unvoreingenommene Berichterstattung.