12.02.2015

Kategorie(n): Beratende Berufe

Zwei Jahre nach bundesweiten Razzien hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main im Januar 2015 Anklage gegen die mutmaßlichen Betrüger der Kapitalanlagegruppe S&K vor dem Landgericht Frankfurt erhoben. Das S&K-Verfahren zählt zu den größten Wirtschaftsstrafsachen in der Bundesrepublik Deutschland: S&K steht im Verdacht, etwa 11.000 Anleger mittels eines Schneeballsystems und unter Einsatz eines undurchsichtigen Geflechts von 150 Unternehmen um 240 Millionen Euro geschädigt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft geht allerdings von einem noch deutlich größeren Gesamtschaden aus.

MEHRJÄHRIGE UNTERSUCHUNGSHAFT FÜR SECHS BESCHULDIGTE

Als Hauptverdächtige gelten die beiden Firmengründer, der heute 34-jährige Stephan Schäfer und der 32 Jahre alte Jonas Köller. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jedoch insgesamt gegen 140 Beschuldigte, darunter Notare, Rechtsanwälte, Steuerberater und Gutachter. Die Firmengründer und weitere nunmehr Angeschuldigte befinden sich seit dem 19. Februar 2013 in Untersuchungshaft. Das OLG Frankfurt am Main hielt die Beschuldigten im November 2014 des vollendeten und versuchten gewerbs- und bandenmäßigen Betruges mit Kapitalanlagen sowie teilweise auch der schweren Untreue bzw. der Anstiftung zur schweren Untreue weiterhin für dringend verdächtig. Daher ordnete das OLG anlässlich einer turnusmäßigen Haftüberprüfung die Fortdauer der Untersuchungshaft für sechs Beschuldigte aufgrund bestehender Fluchtgefahr an (Beschluss vom 26. November 2014, Az. 1 HEs 126/14).

Lediglich ein 50-jähriger Rechtsanwalt wurde gegen Hinterlegung einer Kaution von 100.000 Euro bereits am 23. Dezember 2013 aus der Untersuchungshaft entlassen. Zwar bestehe auch bei diesem Beschuldigten eine gewisse Fluchtgefahr, die jedoch im Hinblick auf die bereits verbüßte 21-monatige Untersuchungshaft und die zu erwartende Strafe gemindert sei. Eine Aufrechterhaltung der Untersuchungshaft sei daher unverhältnismäßig.

FEBRUAR 2013: BUNDESWEITE RAZZIA UNTER EINSATZ VON 1.200 EINSATZKRÄFTEN

Am 19. Februar 2013 durchsuchten 1.200 Polizeibeamte und 15 Staatsanwälte in 130 Orten Privatwohnungen und Geschäftsräume – vor allem in Bayern, Hamburg und Hessen, aber auch in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Sechs Personen wurden verhaftet. In den Privatwohnungen der S&K-Inhaber wurden Sachwerte sowie teilweise in Säcken verwahrtes Bargeld im Wert von insgesamt 2,5 Millionen Euro sichergestellt.

GIER NACH STATUSSYMBOLEN, VERSCHWENDERISCHER LEBENSSTIL UND EIN SPEKTAKULÄRER FLUCHTVERSUCH

Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt der Fall S&K aufgrund der luxuriösen Lebensumstände der S&K-Firmengründer. Große Teile der Investorengelder sollen von den Unternehmens-Chefs im Rahmen eines ausschweifenden Lebensstil „verprasst“ worden sein.

Zu den von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen Frankfurt am Main nach § 111b StPO sichergestellten Wertgegenständen gehören nicht nur Bargeldguthaben und Kontobestände, sondern u. a. auch zahlreiche Immobilien, diverse Sportwagen, ein Motorrad der Marke Harley Davidsen, ein Konzertflügel, etliche Rolex-Luxusuhren und hochpreisige Unterhaltungselektronik. Zudem beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Goldbarren mit einem Gesamtgewicht von über 10 Kilogramm sowie Schmuck und Edelsteine (Az. 7310 Js 230995/12).

Fotografien von rauschenden Festivitäten zeigen die Unternehmensführung vor schwarzen Sportwagen und exklusiven Motorrädern. Leicht bekleidete Damen posieren im Hintergrund mit schwarzen Dessous oder werden dekorativ mit Veranstaltungsteilnehmern abgebildet. Für Abwechslung war stets gesorgt: Die Gäste wurden auch schon einmal von einem angemieteten Elefanten begrüsst. Im September 2013 verletzte sich der mit Handschellen gefesselte S&K-Mitbegründer Christoph Schäfer bei einem spektakulären Sprung aus einem in sechs Metern Höhe befindlichen Fenster des OLG Frankfurt schwer.

DAS MUTMASSLICH BETRÜGERISCHE GESCHÄFTSMODELL VON S&K

Im Alter von etwa 20 Jahren wurden die beiden Unternehmensgründer auf dem Immobilienmarkt aktiv, ohne jedoch eine einschlägige fachliche Vorbildung zu besitzen. Allerdings schmückte sich Köller zeitweise mit einem unrechtmäßigen Doktor-Titel.

Ab dem Jahr 2008 sollen Schäfer und Köller mit ihrer in Frankfurt (Main) ansässigen Firma S&K Tausende von gutgläubigen Anlegern um ihr Kapital betrogen haben. Zunächst begannen die mutmaßlichen Betrüger, Lebensversicherungen von Anlegern zu erwerben und den Erlös in zwangsversteigerte Immobilien zu investieren, um die Rendite gegenüber den Möglichkeiten einer Anlage in Lebensversicherungen zu verbessern.

Später sammelten die Firmenchefs Gelder über diverse Fonds ein und versprachen ihren Anlegern zwölfprozentige Renditen. Die Ermittler der Staatsanwaltschaft glauben, dass die über den seinerzeitigen Wettbewerber-Angeboten liegenden Zinsversprechen nur durch Einrichtung eines Schneeballsystems zu erzielen waren.

Anlegern wurden keine Investitionen in bestimmte Immobilien avisiert. Vielmehr erfolgte lediglich das allgemeine Versprechen, im Rahmen von Zwangsversteigerungen unterbewertete Immobilien zu erwerben. Anschließend sollten diese Immobilien mit hohem Gewinn weiterverkauft werden, obwohl doch gleichzeitig vorgesehen war, dass nur 80 Prozent des Anlegerkapitals in die Immobilienprojekte flossen. Die übrigen 20 Prozent der Einzahlungen dienten insbesondere der Abdeckung von Vergütungen, Provisionen und sonstigen Kosten.

DIE ANLAGEMODELLE VON S&K: GROSSE RESONANZ AUCH IN DER WIRTSCHAFTSPRESSE

Die viel versprechenden Anlagemodelle von S&K erhielten eine breite Resonanz auch in der Wirtschaftspresse. So erläuterten die Unternehmensgründer in renommierten Zeitschriften, wie mit dem Aufkauf unterbewerteter Immobilien und der Aufteilung von Mehrfamilienhäusern in Eigentumswohnungen Renditen von über 100 Prozent zu erzielen seien. Die Herausgeberin einer Finanzzeitschrift soll von S&K sogar ein monatliches “Beraterhonorar” erhalten und am S&K-Umsatz beteiligt gewesen sein.

WARUM FIELEN SO VIELE INVESTOREN EINEM MUTMASSLICHEN ANLAGEBETRUG ZUM OPFER?

Dem S&K-System kam offenbar die Angst von Anlegern zugute, die nach dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und angesichts der Euro-Krise nach sicheren Anlageformen suchten, zu denen nach damals häufiger Einschätzung neben Gold und anderen Rohstoffen auch Immobilien gehörten. Die Anlagen bei S&K wurden von den Investoren getätigt, obwohl konkrete Investitionsobjekte nicht benannt waren und obwohl den Anlegern spätestens nach der Lehmann-Insolvenz hätte bewusst sein müssen, dass überdurchschnittliche Zinsversprechen stets mit erhöhten Risiken einhergehen.