19.11.2014

lebensversicherungDiese Frage stellt das Handelsblatt und widmet der Antwort einen längeren Artikel. Gute Frage! Qualität der Antwort? Schauen wir mal. Früher (also noch vor fünf Jahren) hätte man von einem Luxusproblem und nicht von einer ernsthaft schwierigen Fragestellung gesprochen. Das war in der Zeit, als es noch Zinsen gab. Heute gibt es zwar immer noch Zinsen und auch Rendite, aber die Rahmenbedingungen haben sich in einer historischen Dimension dramatisch geändert. Die Zinsen sind so niedrig wie noch nie, jedes Jahr schütten die Lebensversicherungsunternehmen zig Milliarden aus ablaufenden Verträgen an ihre Kunden aus. Was also tun, wenn nach 30 Jahren Einzahlen plötzlich 100.000 EUR auf dem Girokonto landen?

Laut einer Umfrage der comdirekt, gehen die Kunden wie folgt damit um:

  • 49% ignorieren die niedrigen Zinsen einfach und legen klassisch-konservativ an wie immer.
  • 16 Prozent sind unsicher, wie sie ihr Geld besser anlegen können.
  • 9 Prozent geben zu, sich schlicht nicht für das Thema zu interessieren
  • 7 Prozent geben an, nicht zu wissen, wie hoch die Zinsen gerade sind

Dieses Verhalten der Kunden kostet richtig Geld. Denn nach Einschätzung von Experten landen die meisten Milliarden einfach auf Spar- und Tagesgeldkonten, so dass nur Minizinsen erwirtschaftet werden. Allein letztes Jahr wurden 80 Milliarden an Lebensversicherungskunden ausgezahlt. Ein riesen Verlustgeschäft für die Kunden.

Soweit die gute Analyse, dann beginnt wieder die übliche Tonalität von Handelsblattartikeln:

  1. Es geht los mit der Aussage einer Honorarberaterin: „Normalerweise haben Bestandskunden keinen Vorteil bei ihrer Versicherung, sie zahlen die gleiche Provision für Sofortrenten wie Neukunden“, sagt Honorarberaterin Stefanie Kühn aus Grafing bei München. Nach meinen Recherchen ist das schlicht falsch oder zumindest undifferenziert. Wer in seiner Lebensversicherung eine Verrentungsoption drin hat – das haben nicht alle Verträge, die aktuell auslaufen – der wird nicht mit Vertriebskosten belastet und der Vermittler, der dazu rät, erhält auch keine Provision dafür. Was soll man da noch sagen, die Aussage hat halt so schön in die gewünschte Argumentationskette gepasst, da nimmt man Ungenauigkeiten gerne in Kauf.
    Dann wird behauptet, dass das lebenslange Zusatzeinkommen zwar „bequem und verlockend“ sowie „gut für Anleger, die sich eine regelmäßige Ergänzung zur Rente wünschten. Allerdings sei das Modell eben mit hohen Kosten verbunden.“ Dass damit aber das Langlebigkeitsrisiko abgesichert wird, wird geflissentlich unterschlagen.
  2. Der Klick auf den zweiten Teil des Artikels und das Lieblingsammenmärchen des Handelsblatts feiert fröhliche Urstände: „Selbstständig anlegen ist günstiger“. Wie das gehen soll: Festgeldtreppen (!), Bankauszahlplan (!) , Investmentanlagen mit regelmäßigen Entnahmen. Vor allem bei den ersten beiden Anlageformen wird das, was am Anfang des Artikels als Problem analysiert wurde („Die Deutschen investieren zu konservativ“), jetzt als Lösung angepriesen. Interessante Wendung: Kontext, Zusammenhang, Begründung – Fehlanzeige, wird wahrscheinlich überschätzt. Garniert wird das Ganze dann noch mit dem Hinweis: „Findet einige Angebote mit akzeptabler Verzinsung bei der Wirtschaftswoche“. (Hervorhebung durch den Autor). Aha. Auf konkrete Zahlenangaben wird verzichtet, Verlinkung gibt es nicht – wenn das Nutzwert sein soll?
  3. Abschließend gekrönt wird der Artikel mit folgendem Absatz:
    „Während die Sofortrente eine Wette auf das lange Leben ist und sich bei frühem Tod als Nachteil erweist, sind Auszahl- und Entnahmepläne besser kalkulierbar. Hier ist das Geld nach einem vorher festgelegten Zeitraum einfach aufgebraucht. Wer länger lebt, muss dann mit anderen Reserven nachhelfen.“Ohne Worte, ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber das ist wirklich der Gipfel. Zwei Anmerkungen dazu:

    1. Schlecht recherchiert, denn Punkte wie „Beitragsrückgewähr im Todesfall“ oder „Rentengarantiezeit“ mit denen genau das Verlustrisiko bei Tod des Rentenbeziehers gemildert oder ausgeschlossen werden kann, fallen unter den Tisch. Passt wohl nicht in die gewünschte Argumentation.
    2. „Wer länger lebt, muss dann mit anderen Reserven nachhelfen“ Dieser Satz ist eine Verhöhnung des Lesers, das ist doch keine Lösung. Eigentlich ist es das Eingeständnis, dass die angebotene Lösung – selbst das Geld zu managen – eben doch keine ist. Irgendwie irritierend.

Mein Fazit oder was ich am meisten bedauere: Weder die Journalisten noch die Honorarberater haften laut Gesetz für das, was Sie als Ratschläge an die Leser oder Mandanten zum Besten geben. Darüber sollten sich Politik und Gesetzgeber mal Gedanken machen.

 

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