09.10.2014

Kategorie(n): Allgemein

alte-erzaehlen-zukunftWann bin ich eigentlich alt? Eine spannende Frage. Die meisten werden zustimmen wenn man sagt: „In jedem Fall später als das früher der Fall war!“ Denn heute fühlen sich ja auch alle jünger als sie laut Personalausweis sind. Und entscheidend ist ja die gefühlte Selbsteinschätzung, die subjektive Wahrheit. Soll die Geburtsurkunde sagen, was sie will; und die anderen denken, was sie wollen. Ich fühle mich jung, und das ist gut so, und damit basta.

Aber bei Greta und Hans ist es eindeutig: Sie sind alt, zusammen 160 Jahre, 79 und 81 um genau zu sein. Und sie bestreiten es auch gar nicht, im Gegenteil: Sie geben es unumwunden zu, dass sie alt sind und dass sie sich so fühlen: Es geht alles nicht mehr so schnell wie früher, deshalb scheinen die Tage zu rasen, die Zeit ist knapp. Sie haben kein Auto und sind zum Teil auf andere angewiesen, deswegen müssen sie nach der Uhr leben. Aber sie haben sich Zeit genommen, um mit der „ ZEIT“ zu reden, ausführlich, über das Alter. Das Gespräch wurde auch zweieinhalb Zeitungsseiten ausführlich dokumentiert. Ein Dokument des Lebens von Greta und Hans; ein Dokument der Zukunft Ihres und meines Lebens. Denn Sie erzählen von unserer Zukunft, oder wollen Sie nicht auch gerne 80 Jahre alt werden?

Vieles sind Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Vieles ist ein echtes Zeitzeugnis. Beide halten sich nicht für weise, trotz ihres Alters, aber sie sagen bemerkenswerte Dinge: „Und wir zwei hatten sechzig Jahre Frieden. Aber jetzt geht es wieder bergab. Überall gehen wieder Kriege und Revolutionen los. Und die Ressourcen werden knapp. Ich bin froh, dass ich tot bin, bevor alles zusammenbricht.“ Schluck. Wow. Bemerkenswert.

Sie kritisieren auch unsere Smartphoneabhängigkeit oder den Reisewahn ihrer 50jährigen Tochter, die vier Mal im Jahr für zwei Wochen irgendwo hinfliegt. Sie sind auch gereist, weniger aber intensiver, viel mit dem Rad, denn Greta und Hans haben ein Leben lang kein Auto besessen. Unter anderem haben sie eine dreimonatige Radtour nach Istanbul gemacht. Dafür den Job gekündigt. Davon zehren und erzählen sie bis heute. Bleibende Erinnerungen. Bemerkenswertes Leben. Und ein bemerkenswertes Stück Qualitätsjournalismus in der aktuellen Ausgabe der ZEIT, das den Gang zum Kiosk lohnt.