22.09.2014

Kategorie(n): Allgemein

frankreich-krankenhaus-versorgungAm Freitag in Paris. Ich war mit ein paar Kollegen da und einer klagt über Bauchschmerzen. Wir sprechen mit unserer Reiseleiterin. Sie rät uns, einen Arzt zu rufen, der den Kollegen begutachtet. Irgendwie kann es kein Notarzt sein, denn es wird zwischen zehn Minuten und eineinhalb Stunden dauern, bis der Arzt da sein wird – spannende Zeitangabe. Es ist halb sechs.

Nach ca. 45 Minuten ist er da. Es ist 18.15 Uhr. Er stellt ein paar Fragen, tastet den Bauch ab, misst Puls und Blutdruck. Es ist viertel vor sieben. Nachdem wir 80 Euro cash bezahlt haben, geht es durch den Pariser Stau ins Krankenhaus. Der Taxifahrer lässt uns bei der Notaufnahme raus, der Kollege klagt in der Zwischenzeit über heftige Schmerzen und krümmt sich. Es ist viertel nach sieben. Es ist auch für die Reiseleiterin nicht einfach, den richtigen Eingang zu finden, geschweige denn einen Rollstuhl zu organisieren, mit letzter Kraft schleppt sich der Kollege in den Wartebereich. Die Schlange an der Rezeption ist kurz, der Papierkram überschaubar, dann wird er auch aufgerufen, ab ins Behandlungszimmer. Eine Krankenschwester macht die ersten Checks: Puls, Blutdruck, Temperatur, dann soll es zum Arzt gehen. Es ist viertel vor acht. Die Reiseleiterin darf ausnahmsweise zum Übersetzen mit, ich nehme im Wartebereich Platz. Ob das schnelle Drankommen am Zustand des Patienten oder am „Allemagne“ lag, wer weiß, aber es wird nicht so schnell weitergehen.

Die Reiseleiterin kommt auch in den Wartebereich. Es ist viertel nach acht. Ein englischsprachiger Arzt ist bei ihm. Entzündung, Blinddarm, noch gibt es viele Möglichkeit. Sie haben ihm Schmerzmittel gegeben – Morphium! Wie bitte, das kenne ich nur aus Kriegsfilmen oder aus der Palliativmedizin. Seltsam. Im Warteraum ist eigentlich gar nicht so viel los, aber es ist immer Palaver, die Szenerie erinnert mich eher an einen Markt als an ein Krankenhaus. Willkommen in Multi-Kulti-Frankreich. Jetzt weiß ich auch, was der Taxifahrer meinte als er Marseille als nördlichste Großstadt Afrikas bezeichnete, Paris bietet einen kleinen Vorgeschmack. Minderjährige ohne Papiere, die nicht behandelt werden und sich mit dem Personal zoffen, Halbnackte im Flügelhemdchen, Infusionsbeutel, die die Leute auf Kniehöhe halten. Nicht allzu vertrauenserweckend. Die Reiseleiterin ist nach Hause gegangen, Es ist viertel nach neun. Ein paar Telefonate mit dem Kollegen, nix passiert. Weitere Stunden gehen ins Land, insgesamt werde ich mehr als fünf Stunden da sitzen, kurz nach zwölf kommen noch zwei Kollegen vorbei, um halb eins fahren wir ins Hotel, den Kollegen haben wir nicht mehr gesehen, da sie uns nicht zu ihm gelassen haben, Diagnose gibt es auch noch keine. Ein Sprung ins Taxi rettet mich vor einem unzufriedenen Patienten, der seine Wut und Aggression an mir auslassen wollte. Er hatte zum Glück kein Messer und hat mich nur an der Schulter erwischt. Der Taxifahrer ist sauer, da ich nun vorne sitze, das macht man angeblich nicht in Frankreich, wie mir ein mitfahrender Kollege erklärt. War mir in dem Moment aber egal, die Tür ist zu. Um viertel nach eins der Anruf: Blinddarm, morgen soll er operiert werden.

Das Morgen stellt sich dann als 18.30 Uhr am Abend heraus. Ein weiterer Tag gewartet, gut das kann einem in Deutschland auch passieren. Ich bringe die Klamotten vorbei, da ist er weg, eigentlich wollte ich ihn nach der OP besuchen, aber das wird nicht vor 23 Uhr möglich sein. Also am Sonntagmorgen wieder hin. Auch bei Tageslicht macht Krankenhaus einen ziemlich abgerockten Eindruck. Das Bild zeigt das Bett des Zimmernachbarn. Aber der Kollege kann schon wieder lachen. Die Schwestern sind freundlich. Er wird noch zwei, drei Tage bleiben müssen und den Krankenhausaufenthalt hoffentlich unbeschadet überstehen. Schließlich sind wir ja in einer europäischen Hauptstadt in einer hochentwickelten Kulturnation. Trotzdem stimmt mich das alles sehr nachdenklich.

Wir fahren zurück und werden sicherlich mit noch größerer Begeisterung zum Thema Private Krankenversicherung und Krankenzusatzversicherung beraten. Und wer sich über das deutsche Gesundheitssystem mokiert, soll sich das mal anschauen oder zumindest diesen Artikel lesen.