12.12.2013

Kategorie(n): Allgemein

buergerversicherung-rationierung[Gastbeitrag von Thorulf Müller | derKVProfi]

Zwei Themen, die im Zusammenhang mit Einheitskasse, Bürgerversicherung und Staatsmedizin – alles Begriffe die extrem negativ in Deutschland ankommen – immer wieder, vor allem auch im Sinne von Schreckgespenstern, benutzt werden, sind Rationierung und Priorisierung.

Dazu möchte ich kurz drei Geschichten erzählen, die mich auch persönlich betroffen haben.

 

Gastautor

Thorulf Müller

derKVProfi

 

Die Glasscherbe 1: Es war in einem Hotelzimmerin Köln, ein Glas viel auf den Boden und ich bin in eine Scherbe getreten. Ich fuhr ins Krankenhaus. Damit begann das Elend. In der Notaufnahme saßen zwei Frauen hinter dem Schalter. Wenn sie wirklich fachliche Probleme ausgetauscht hätten, dann hätte ich Verständnis für eine sehr lange Wartezeit im Stehen gehabt. Nachdem Klatsch und Tratsch ausgetauscht waren, wurde ich tatsächlich nach meinen Wünschen gefragt. Mal ganz abgesehen von der ständigen Frage, ob ich es nicht doch vielleicht geschafft hätte eine normale Arztpraxis zu einer normalen Sprechstunde aufzusuchen, wurde mir doch tatsächlich, nachdem ich ebenfalls stehend die bürokratischen Angelegenheiten geregelt hatte, die Erlaubnis erteilt, im Wartebereich Platz zu nehmen. Dann kam ich sogar in ein Behandlungszimmer und eine Schwester schaute sich das Ganze an. Dann wurde der Arzt gerufen, der aber geschlagene zwei Stunden später kam. Das was er jetzt zur Schwester sagte, war mir und mutmaßlich auch der Schwester bewusst: Reinigen, Desinfizieren und Verbinden. Genau deswegen war ich gekommen.

Die Glasscherbe 2: Es war in einem Hotelzimmer in Stockholm, ein Glas viel auf den Boden und ich bin in eine Scherbe getreten. Ich fuhr ins Krankenhaus. An der Notaufnahme kam die Frau hinter dem Schalter auf mich zu, als sie mich humpelnd eintreten sah und begleitete mich in den Wartebereich. Es wurde eine Schwester geholt, die mich ins Behandlungszimmer brachte, die Wunde reinigte, desinfizierte und verbunden hat. Einen Arzt habe ich nicht kennen gelernt. Danach wurde ich gebeten im Wartebereich die bürokratischen Angelegenheiten zu erledigen. Die Frau am Schalter kam dazu selbstverständlich zu mir.

Der Herzinfarkt: Es war in Köln, nachts und ich saß mit einem guten Bekannten bei einem Glas Wein, als dieser plötzlich Schmerzen in der Brust bekam. Das Krankenhaus liegt ca. einen Kilometer entfernt, also rief ich nicht den Notarzt, sondern fuhr meinen Bekannten direkt dahin. In der Notaufnahme saß eine Dame hinter dem Schalter und davor standen zwei Herren. Der eine war ein ausländischer Subunternehmer, der andere sein Auftraggeber. Der Subunternehmer hatte sich den Daumen gequetscht. Es ging am Schalter sehr bürokratisch zu, weil es ging um Formulare und wer denn die Kosten für die Behandlung des gequetschten Daumens trägt. Das sind wichtige Sachverhalte in einer Notaufnahme. Ich setze meinen Bekannten auf einen Stuhl im Wartebereich und versuchte mir Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich sprach die Frau hinter dem Schalter an und machte Sie auf den Notfall aufmerksam. Sie meinte, dass es nach der Reihe gehen würde und wendete sich wieder den beiden anderen Herren zu.
Ich sorgte danach für Aufmerksamkeit, habe meinen Bekannten direkt in den Behandlungsbereich geschleppt und einen Arzt gezwungen ihn zu untersuchen. Ich habe heute in dem Krankenhaus Hausverbot, meinem Bekannten geht es nach dem Herzinfarkt wieder besser und der Daumen ist auch nicht mehr geschwollen (nehme ich an)!

Zu den beiden ersten Geschichten: In Skandinavien wird priorisiert. Viele Patienten sehen in der Aufnahme keinen Arzt. Das gilt sogar für Arztpraxen, wenn sie dort mit einem grippalen Infekt auftauchen sollten. Das macht die Arzthelferin. Die sagt Ihnen, dass Sie in drei Tagen wieder kommen dürfen, wenn es nicht besser wird und dass sie solange das Bett hüten sollten und viel Tee trinken müssen. Auch Wadenwickel werden als Therapie empfohlen. Bei einer Schnittwunde reinigt, desinfiziert und verbindet die Krankenschwester bzw. die Arzthelferin. Dadurch können die Schweden ihr Gesundheitssystem mit deutlich weniger Ärzten auf hohem Niveau durchführen. Es braucht natürlich gut ausgebildeter und motivierter, also auch gut bezahlter Krankenschwestern und Arzthelferinnen. Dennoch gibt es in Schweden lange Wartezeiten auf bestimmte Operationen und Behandlungen. Hier müssen sich die Schweden etwas einfallen lassen um die Kapazitäten in den Bereichen zu erhöhen.

Zur dritten Geschichte: Auch das wäre Ihnen in vielen Ländern Europas so erspart geblieben, weil in den meisten Ländern gilt: Erst wird geholfen und dann die Frage der Kostenübernahme geklärt. In Deutschland habe ich immer wieder und vor allem zunehmend das Gefühl, das Menschen tatsächlich nicht behandelt werden, wenn die Frage der Kostentragung nicht geklärt ist.

Die Pflicht zur Versicherung, die es seit dem 01.04.2007 bzw. 01.01.2009 in Deutschland gibt, hat das Problem der Nichtversicherten nicht wirklich gelöst.

Paragraph 75 SGB V, also die Verpflichtung der Kassenärzte, Versicherte nach Standard-, Basis- oder Notlagentarif zu niedrigeren GOÄ-Sätzen zu behandeln, wird in Deutschland nicht durchgesetzt. Die Menschen werden allein gelassen. Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine PKV gegen einen Kassenarzt wegen Verstoß gegen § 75 SGB V vorgegangen ist.

Fakt ist, dass Rationierung und Priorisierung berechtigte Instrumente sind, um ein Gesundheitssystem zu steuern. Rationierung ist die Mengenbegrenzung. Und die gibt es bereits seit vielen Jahren in unserem Land.
Es gibt zwangsläufige und gemachte Rationierung. Eine zwangsläufige haben wir zum Beispiel bei Organtransplantationen, weil es mehr Patienten gibt, die auf ein Spenderorgan warten, als Menschen die eines hergeben.
Es gibt Fallzahlen für Kassenärzte und Arznei- bzw. Heilmittelbudgets. Das sind auch Instrumente der Rationierung, obwohl es eigentlich nur ein Mittel ist, Ärzte zu zwingen, wirtschaftlich mit Verordnungen umzugehen. Die Budgets dürfen nämlich überschritten werden, wenn es begründet ist. Eine weitere Form der Rationierung ist es, wenn Sitze von Kassenärzten unbesetzt bleiben, wie es bereits heute in vielen ländlichen Regionen Deutschlands der Fall ist. Und diese Regionen liegen nicht nur in den neuen Bundesländern. Die meisten der Budgetierungen, wie Fallzahlen, -werte, Arznei- und Heilmittelbudget sind in Deutschland aber von der ärztlichen Selbstverwaltung selbst organisiert: Der Kassenärztlichen Verwaltung.

Es gibt sehr harte Rationierungen in anderen europäischen Ländern, gerade zum Beispiel in England. Dort werden Patienten einem Scoring ausgesetzt. Das Scoring, bei dem Alter und allgemeiner Gesundheitszustand eine Rolle spielen, entscheidet darüber, ob Sie auf Kosten des NHS behandelt werden oder nicht. Und nicht bedeutet, dass sie es Privat sehr wohl behandeln lassen können, also wenn sie selbst zahlen. Das kann man verurteilen oder akzeptieren, aber die Briten haben sich das so selbst ausgesucht. Die Engländer finden das mehrheitlich richtig und gut. Dafür geben sie halt auch nur ca. 70% dessen für Behandlung aus, was wir dafür ausgeben. Dieses Scoring gilt aber für Transplantationen auch in Deutschland, weil es in fast gleicher Art und Weise von Eurotransplantat angewendet wird. Zugegeben mit einigen anderen Parametern und Spielregeln.

Priorisierung ist etwas anderes als Rationierung. Priorisierung bedeutet, dass die Patienten nach der Wichtigkeit behandelt werden. Und das nicht alles ein Arzt machen, veranlassen oder anweisen muss. Es wird aber eben auch niemand an wartenden Patienten vorbei gefahren, nur weil er Selbstzahler (Privatpatient) oder ein VIP ist. Wer das will und bereit ist dafür zu bezahlen, der wird aber im Sektor rein privater Anbieter solche Annehmlichkeiten finden. Dass es einen zweiten privatwirtschaftlich organisierten Markt gibt, dagegen ist nichts auszusetzen. Aber das ist dann eben eine parallele Welt, in der sich die, die selbst zahlen, um den ersten Platz in der Schlange streiten können.

Die deutsche Diskussion zur Zwei-Klassen-Medizin ist verlogen und wird ideologisch missbraucht. Natürlich gibt es eine Zwei-Klassen-Medizin und diese wird es immer geben, solange Geld eine wesentliche Rolle spielt. Das Problem ist aber eher, dass wir die zwei-Klassen in denselben Praxen und Krankenhäusern gegeneinander antreten lassen. Das ist halt in anderen Ländern anders organisiert. Es gibt ein einheitliches, für alle zugängliches Gesundheitssystem und eine Parallelwelt. Die, die sich die Parallelwelt nicht leisten können, bekommen davon nichts mit und werden durch diese Welt aber auch nicht beeinträchtigt, also gefühlt beeinträchtigt. Ob man aber in der Parallelwelt besser behandelt wird, das ist fraglich. Ein Termin von jetzt auf gleich ist natürlich bei bestimmten Fällen vorteilhaft. Ziel eines öffentlichen Systems muss es aber sein, dass alle Fälle, die Priorität haben, auch kurzfristig und zeitnah diagnostiziert und behandelt werden. Dennoch habe ich, auch mit meinen Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, erhebliche Zweifel, ob das, was im Bereich der Privatwirtschaft im Gesundheitswesen passiert, immer effektiv und zielführend für den Patienten ist.

 

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[…] 12.12.2013 06 Bürgerversicherung: Priorisierung und Rationierung […]