14.11.2013

Kategorie(n): Allgemein

2. Welche Besonderheiten sind bei den anderen aufgeführten Ländern zu beachten?
3. Welche Korrelation besteht zwischen der Wartezeit und einem im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendem System?
4. Was ist ein im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendes System?

Eine aktuelle Studie bringt uns im Bereich der Frage 2 weiter:
Aus dieser aktuellen Studie kann man erkennen, dass die Zufriedenheit in den diversen Ländern, in denen es eine Staatsmedizin und teilweise auch beschränkten Zugang zu Fachärzten gibt, nicht niedriger ist, als in Deutschland bzw. in Deutschland ist sie nicht höher. Ich gebe aber zu bedenken, dass die Zufriedenheit auch etwas mit der Erwartung zu tun hat, die eben auch von Land zu Land unterschiedlich ist. Und es stellt sich die Frage, ob wir unseren Status Quo und mögliche Veränderungsoptionen nicht vielleicht zu häufig zu negativ besprechen.

Schauen wir uns zwei andere Auswertungen der OECD an:
Im ersten Schaubild geht es um die Frage, wie oft auf eine notwendige ärztliche Leistung aus finanziellen Gründen verzichtet wurde. Das sieht trotz des gesamten Systems in Deutschland nicht wirklich gut aus. In den Niederlanden und in Großbritannien passiert das deutlich seltener.

Im zweiten Schaubild geht es bei höheren (links) und niedrigeren Einkommen um die genauen Gründe für den Verzicht auf notwendige ärztliche Leistung. Spannend finde ich hier Norwegen (Entfernung), Schweden (Wartezeit) versus Niederlande und Großbritannien (Vereinigtes Königreich).

Damit wird Frage 2: „Welche Besonderheiten sind bei den anderen aufgeführten Ländern zu beachten?“ auch rund. Norwegen ist ein sehr dünn besiedeltes Gebiet, dessen Großstädte, mit Ausnahme von Oslo, nach unseren Vorstellungen doch eher Kleinstädte sind. Dazu kommen viele weit über die Fläche verstreute kleine Ortschaften und Gehöfte. Hier eine regionale Maximalversorgung auf deutschem Niveau aufzubauen wäre nur mit entsprechend hohem Mitteleinsatz möglich. Norwegen könnte sich das, als eines der reichsten Länder der Welt, leisten. Die Norweger haben sich aber für einen anderen Weg entschieden. Jede Entscheidung löst Ergebnisse aus. Schweden ist zwar kaum stärker besiedelt, jedoch leben mehr Menschen in Städten. Das schwedische System basiert tatsächlich auf Rationierung und damit Wartezeiten. Sogar deutlich stärker als in Großbritannien. Aber auch hier hat die Bevölkerung das für sich so entscheiden. Sowohl in Norwegen als auch in Schweden werden bestimmte Behandlungen von den Bürgern in anderen europäischen Ländern gekauft. Dafür gibt es auch entsprechende Versicherungen. In beiden Ländern ist das für die Mehrheit der Bevölkerung aufgrund eines hohen Wohlstandes möglich.

Auch Frage 3.: „Welche Korrelation besteht zwischen der Wartezeit und einem im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendem System?“ ist damit eigentlich bereits klar belegt: Keine einzige Korrelation. Das zeigen alle internationalen Studien. Das Gesundheitssystem in Norwegen gilt, neben Finnland und Israel, als eines der besten der Welt. Dabei werden in den internationalen Studien auch die Effektivität, die Versorgungsqualität und der Behandlungserfolg gemessen. Therapiefreiheit und frei Arztwahl bzw. ständiges Arzt-Hopping, Doppel- und Dreifachuntersuchungen oder gar parallele, nicht koordinierte Arztkonsultationen sind da vollkommen kontraproduktiv. Insoweit diskutieren wir in Deutschland völlig falsch. Wir fordern die Freiheit des Patienten und vergessen scheinbar, dass er als schwerkranker Mensch den Leistungserbringern gegenüber in gewisser Weise hilflos ist und daher vertrauen und glauben muss. Es fehlt aber in diesem System der unabhängige Anwalt, der dem Kunden zur Seite steht. Die Krankenkassen könnten das sein, wenn wir den gesetzlichen Rahmen schaffen. Die PKV kann es nicht sein, weil die PKV nur Kostenerstatter, als Payer und nicht Player ist!

Es gab eine kleine Chance, die Rolle der PKV zu verändern. Im Rahmen der Verhandlung einer neuen GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) war eine Öffnungsklausel geplant, die den Versicherern die Möglichkeit eröffnet hätte, mit Ärzten individuelle Vereinbarungen, die von der GOÄ abweichen, zu treffen. Diese Chance hat aber der PKV-Verband im Sommer 2012 ohne Not verschenkt. Am darauffolgenden Tag hat dann der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, dass die deutsche Ärzteschaft für die Erhaltung des dualen Systems eintritt. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die PKV die Öffnungsklausel, gegen die die Ärzteschaft vehement gekämpft hatte, aufgegeben hat, um die Ärzteschaft im Kampf gegen eine Bürgerversicherung auf ihre Seite zu ziehen.

 

Letztendlich bleibt Frage 4.: Was ist ein im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendes System? Das hat definitiv nichts mit dem freien Zugang zum Arzt zu tun, sondern mit der Frage wie optimal und umfassend die medizinische Versorgung ist. Dabei geht es auch um Kosten, aber erst einmal um die qualitativen Ergebnisse. Laut OECD finden sich sehr gute Gesundheitssysteme im Sinne des Ergebnisses und unter Berücksichtigung der Kosten in Finnland, Norwegen und Israel.

Laut WHO wurde folgendes festgestellt: „Frankreich ist weltweit das Land mit dem besten Gesundheitssystem, gefolgt von Italien, San Marino, Andorra und Malta. Das ist ein Ergebnis des „World Health Report 2000 – Health Systems: Improving Performance“, in dem die WHO erstmals Gesundheitssysteme vergleicht. Deutschland belegt in der Studie Platz 25. Die Vereinigten Staaten rangieren auf Platz 37, obwohl sie gemessen am Bruttosozialprodukt mehr Geld für das Gesundheitssystem ausgeben als jedes andere Land.
Die WHO maß die Gesundheitssysteme daran, was sie im Vergleich zu anderen Ländern leisten und wie sehr sie sich an ein von Experten berechnetes Optimalniveau annähern. Dieses Optimalniveau richte sich nach den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die Bewertung basiert auf fünf Indikatoren: Dem allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung, Unterschieden im Gesundheitszustand einzelner Bevölkerungsgruppen, der angemessenen Funktionsweise des Gesundheitssystems, dem Zugang unterschiedlicher Einkommensgruppen zur Gesundheitsversorgung sowie der Verteilung der finanziellen Eigenbeteiligung einzelner Bevölkerungsgruppen an den Gesundheitskosten.
Quelle: Deutsches Ärzteblatt

Eine andere neuere Studie sieht Deutschland in Europa auf Platz 14 von 34. Platz 1 geht an die Niederlande. Die häufigsten Kritikpunkte am deutschen System: Krankenhauskeime, Hygienestandards, Anzahl der Kaiserschnitte, Hüft- und Kniegelenk-Operationen sowie Herzkatheder, mangelhafte Koordination und zu wenig interdisziplinäre Behandlung. Dazu sehr hohe Kosten, sehr hohe Eigenanteile, zu häufige Arztkontakte bei zu vielen verschiedenen Ärzten.

 

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