22.11.2013

Kategorie(n): Allgemein

mrt-vorteilsnahme[ Gastbeitrag von Thorulf Müller | derKVProfi ]

Das Thema Überbehandlung ist ein Thema, das zwar immer wieder im Ansatz diskutiert wird, aber nicht wirklich bis zum Ende.

Deutschland ist führend in Herzkatheder-Untersuchungen, bei künstlichen Hüft- und Kniegelenken und bei Kaiserschnitten. Das kann man weder mit dem durchschnittlichen Alter der Deutschen, noch mit einer besonders spezifischen gesundheitlichen Vorschädigung noch mit einer höheren Lebenserwartung erklären. Wir haben noch nicht einmal ein Implantat-Register in Deutschland.

In keinem Land in Europa gibt es solche Probleme mit der Hygiene und mit Krankenhauskeimen (MRSA). Wir haben ja nicht einmal eine einheitliche Hygieneverordnung und sogar Bundesländer, die das bis heute nicht auf die Kette bekommen haben.

Wir haben ganz viel Röntgen-, CT und MRT-Geräte, vor allem in freiberuflich geführten Arztpraxen. In der Umgebung von München sollen mehr CT- und MRT-Geräte als in ganz Italien stehen.

So liege etwa die risikoadjustierte Sterblichkeit beim Herzinfarkt in Deutschland im europäischen Vergleich dreimal höher als in Dänemark, berichtete Busse beim Europäischen Gesundheitskongress in München. Und auch in Norwegen sei die Situation deutlich besser. Dort sei die Letalität beim Herzinfarkt innerhalb weniger Jahre von zwölf auf jetzt vier Prozent gesenkt worden, berichtete Busse. Deutsche Krankenhäuser seien hinsichtlich der Sterblichkeit beim Herzinfarkt fast durchweg schlechter als der europäische Durchschnitt. Beim Hüft- und Kniegelenkersatz liege Deutschland hingegen weit vorne. So würden hierzulande bezogen auf die Einwohnerzahl doppelt so viele Endoprothesen implantiert wie beispielsweise in den Niederlanden. Noch auffälliger sei die Situation bei der Koronarangioplastie. Die Zahl der Eingriffe liege in Deutschland etwa das Dreieinhalbfache über den Niederlanden, berichtete Prof. Busse unter Verweis auf Statistiken, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im November veröffentlichen will.
Quelle: Ärztezeitung

Haben wir eine bessere medizinische Versorgung im Sinne von effizient, frei zugänglich, Kosten senkend und ergebnisorientiert? Nein.
Und wir haben ein Denken im Gesundheitswesen, das viele Menschen in der heutigen Zeit für vorsintflutlich halten.

Aus einem Rede von Dr. Konrad Görg
Dr. Konrad Görg[*], Arzt am Uni-Klinikum Marburg, das sich in Besitz der Rhönkliniken befindet, hat am 1.10.2012 eine Rede gehalten, die wir unseren Leserinnen und Lesern zugänglich machen wollen. Es geht dabei um die Ungleichbehandlung von Patienten, um das Zwei-Klassen-System und die Folgen der weiteren Kommerzialisierung auf das Verhältnis von Arzt und Patient.

„… es sind schon viele Jahre vergangen, dass einmal ein Bürgermeister aus einer großen mittelhessischen Stadt wegen Fieber, Husten und Auswurf in unser Krankenhaus eingewiesen wurde. Lungenentzündung diagnostizierten wir Ärzte und nahmen ihn stationär auf.
Damals gab es auch einen jungen Assistenzarzt in der Röntgenabteilung, der täglich in einer kleinen Kammer Röntgenaufnahmen der Lunge bei Patienten zu machen hatte.
So auch an jenem Tag, als der Chef der Röntgenabteilung plötzlich – mit besagtem Bürgermeister im Rollstuhl – erschien.
Sich vorbeidrängend an einer langen Warteschlange im Flur, schob er auch den jungen Assistenzarzt beiseite, bugsierte den Bürgermeister zum Röntgen-Apparat, machte persönlich eine Lungenaufnahme und besprach anschließend in großer Sorgfalt den Befund mit seinem Privatpatienten.
Nach einer halben Stunde schließlich signalisierte der Chef seinem Assistenzarzt, nun doch bitte weiterzumachen und die immer länger werdende Schlange endlich ‚abzuarbeiten’…“
Quelle Nachdenkseiten

Gastautor

Thorulf Müller

DerKVProfi

 

Ein Chefarzt ist der Leiter einer Station (Abteilung also Abteilungsleiter) und trägt die volle Verantwortung für alle Patienten. Um sich herum hat er ein Team von Ober- und Stationsärzten mit denen er gemeinsam die tägliche Arbeit erledigt. Es gibt aber Patienten, die für Ihn persönlich finanziell lukrativer sind. Er erhält für seine Tätigkeit als Chefarzt ein Gehalt, für diese Patienten erhält er aber ein zusätzliches Entgelt (Abrechnung nach GOÄ), das er zu 70% an den Arbeitgeber (Klinik) auskehrt, weil er die Tätigkeit während seiner regulären Arbeitszeit durchführt. Dennoch ist sein Interesse naturgemäß auf diese Patienten ausgerichtet, weil 30% mehr als 100% von Nichts ist. Der Chefarzt behält nämlich in der Regel 30% der Umsätze für sich.

Die PKV will uns ständig einreden, dass die Chefarzt die „ultimo ratio“ der Medizin ist. Richtig ist, dass der Chefarzt mehr Wissen und Erfahrung hat als ein Stationsarzt. Das liegt, wie in allen Berufen, in der Natur der Sache. Noch richtiger ist es aber, dass der Chefarzt als verantwortlicher Leiter der Station aus genau diesem Grund für die komplexeren Fälle im Besonderen verantwortlich ist. Nun ergibt sich die Komplexität also aus dem Status Privatpatient versus Kassenpatient? Mitnichten!
Sie werden sagen, dass es nun einmal so ist und dass es doch auch schon immer so war.

Albert Einstein soll einmal gesagt haben, dass es „Die reinste Form des Wahnsinns ist, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Ich werde jetzt aber einmal bösartig und bitte Sie über folgende Frage nachzudenken: Der Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium ist Beamter und er bezieht für seine Aufgabe eine Besoldung. Nehmen wir einmal an, er würde neben seiner normalen Tätigkeit (Industriepolitik) für die Unternehmen der Automobilindustrie tätig sein und er könnte dafür hohe Rechnungen für seine Tätigkeit ausstellen. Er würde sogar 70% seiner Honorare an das Bundeswirtschaftsminsterium abtreten. Dafür würde er natürlich die Tätigkeiten während seiner regulären Dienstzeit durchführen. Wie würden Sie das nennen? Und wo ist der Unterschied zum Chefarzt in einem Dienstverhältnis im öffentlichen Dienst?

Wir akzeptieren also Vorteilsnahme und Bestechung gemäß § 299 ff bzw. 331 ff StGB, weil es eigentlich immer so war und wir uns daran gewöhnt haben? Es mag vor 20 Jahren sogar gesellschaftlich normal gewesen sein, aber damals konnten Sie Bestechungsgelder auch noch als nützliche Aufwendungen bei den Ausgaben in der Steuererklärung ansetzen.

Ich habe kein Problem damit, wenn jemand ein privates Unternehmen Krankenhaus betreibt und dort die Türen nur nach der Autorisierung der Kreditkarten aufgehen. Wir sprechen aber von einem Versorgungsystem, dass wir als Gesellschaft für uns betreiben, damit jeder, für den es notwendig ist, auch schnell medizinische Hilfe in Anspruch nehmen kann. Wir sprechen von Krankenhäusern, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden und Gehältern die der Staat zu einem großen Teil trägt.

Sie werden sagen: Ok, dann lasst uns unsere Krankenhäuser doch privatisieren. Und ich sage Ihnen, dass das nicht zu einer Verbesserung führt, weil wir dann genau da hinkommen, wo wir uns bereits größtenteils befinden. Es geht nur noch um Geld. Warum werden denn Kniegelenke so oft künstlich ersetzt oder Herzkatheder gesetzt? Weil es notwendig ist? Nein, weil es Geld bringt! Und zwar Umsatz und auch Ertrag!

Das Problem der Selbstzahler ist vor allem die Überdiagnostik, die Übertherapie und die Überbehandlung. Spätestens in der Pathologie kommt der Chefarzt übrigens ohne Privathonorare aus – also muss! Dort sind alle Patienten wieder gleich!

 

Ein Gedanke zu „Krankenversicherung: Vorteilsnahme und Qualität“

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