08.11.2013

Kategorie(n): Allgemein

[Ein Gastbeitrag von Thorulf Müller, derKV Profi]

Neben einigen Anmerkungen zum Thema Bürgerversicherung sieben Wochen vor der Bundestagswahl steht dann dort:
Zitat: Ach ja, dann sind da noch die Fakten. Nehmen wir mal die Wartezeiten. Natürlich muss man auch in Deutschland manchmal (zu) lange auf einen Facharzttermin warten. Aber wie obenstehende Grafik zeigt, sind wir im globalen Vergleich gut aufgestellt. Daher bleibt die entscheidende Frage: Warum ein im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendes System auf den Kopf stellen? Natürlich muss das deutsche Gesundheitswesen weiter verbessert werden, aber es ist eines der besten der Welt und ich fürchte, dass es durch die Bürgerversicherung extrem verschlimmbessert würde. Quelle: WIP: Rationierung und Versorgungsunterschiede in Gesundheitssystem, 2013

Gastautor

Thorulf Müller

DerKVProfi

Jetzt muss man mehrere Fragen stellen:

  1. Welche Korrelation gibt es zwischen der Wartezeit auf einen Facharzttermin und der Qualität in Bezug auf den Zugang zu medizinischer Versorgung?
  2. Welche Besonderheiten sind bei den anderen aufgeführten Ländern zu beachten?
  3. Welche Korrelation besteht zwischen der Wartezeit und einem im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendem System?
  4. Was ist ein im internationalen Vergleich sehr gut funktionierendes System?

Beginnen wir mit Frage Nr. 1 Welche Korrelation gibt es zwischen der Wartezeit auf einen Facharzttermin und der Qualität in Bezug auf den Zugang zu medizinischer Versorgung?

Die freie Arztwahl und insbesondere der freie und ungehinderte Zugang zum Facharzt, sind in Deutschland scheinbar heilige Kühe. Man kann das sehr schön nachvollziehen, wenn man sich die Diskussion rund die Abschaffung der Praxisgebühr anschaut. Noch deutlich wird es, wenn man dann sieht, was ab dem 01.01.2013 in Deutschland passiert ist: die Menschen streben wieder vermehrt ohne vorherige Konsultation in die Facharztpraxen und die Ausgaben steigen.
Ist ein Mensch, der ernsthaft krank ist, wirklich in der Lage selbst zu entscheiden, welcher Arzt ihm jetzt helfen kann? Was passiert in der Realität? Die sogenannte Arzt-Odyssee beginnt. Man hat nach dem Gespräch mit dem Facharzt ein schlechtes Gefühl und sucht noch einen anderen auf. Ggf. besucht man sogar anschließend noch einen Arzt einer anderen Fachrichtung und ggf. sogar dann noch seinen Hausarzt. Alle Behandlungen, Diagnosen, die gesamte Diagnostik, einschließlich verschiedener Therapien, alles findet ohne Koordination statt. Mir wäre es ja egal, wenn nicht Geräte- und Labormedizin zwei Positionen sind, die die Kosten im Gesundheitswesen nachhaltig und ohne höheren Nutzwert erhöhen. Außerdem ermöglicht das System, mit denen die kassenärztlichen Vereinigungen das Geld unter den Ärzten verteilen, nun auch noch höhere Ausschöpfungen der Budgets!
Dann greift der Datenschutz ein und verhindert, dass die Krankenkassen die Doppeluntersuchungen und dann teilweise widersprechenden Therapien erkennen können. Denn die Daten sind nur bei der Kassenärztlichen Vereinigung vorhanden. An die Krankenkassen werden die Daten getrennt (Diagnosen- und Personendaten) gemeldet!

In der Medizin herrscht ein hohes Maß an Wissens-Asymmetrie. Hinzu kommt, dass das Wissen im Bereich Medizin stark wächst. Dann muss man sich vor Augen halten, wann die Professoren der heutigen Ärzteschaft studiert haben: in den 60er Jahren des vorherigen Jahrhunderts? Und deren Professoren?
Ein weiterer Aspekt ist der Einfluss bestimmter Gruppen, u.a. der Pharmaindustrie, der es sogar ständig gelingt niedrigere Grenzwerte durchzusetzen um die Menge potentieller Patienten für bestimmte Medikamente zu erhöhen bzw. sogar scheinbar ganze Krankheitsbilder frei erfindet, wie z. B. die Meno-Pause des Mannes, um existente Arzneimittel einer Verwendung zuzuführen. Man bedenke dabei bitte, dass viele Ärzte diese Spiele ja mitmachen und nicht auf die Barrikaden gehen und solche freie Erfindungen ablehnen bzw. niedrigeren Grenzwert nicht akzeptieren.

Nicht vergessen sollten man die aktuelle Situation in der einige Kliniken versuchen besonders umfassende Qualitätsbewertungen, die eben auch Rückfallquoten etc. auswerten, per Unterlassung zu verhindern.

In einem monethischen orientierten Markt der Leistungserbringer, unter Berücksichtigung der Interessen der Lobbygruppen und der massiven Wissens-Asymmetrie stellt sich die Frage, wer die Patienten eigentlich schützt. Eine Person könnte ein echter Hausarzt sein, der die sozialen Rahmenbedingungen des Patienten kennt und die notwendigen fachärztlichen Untersuchungen veranlasst um die Ergebnisse des Facharztes mit dem Patienten auswertet, sowie Therapien koordiniert und Informationen verwaltet. Der wirkliche Door—Keeper, der sich aber natürlich auch um die Bagatellen kümmert. Der vor allem dafür bezahlt wird, dass er sich Zeit nimmt.

Beschäftigt man sich damit, warum eine wissenschaftlich nachweislich nicht funktionierende Medizin, wie z. B. große Teile der Homöopathie bzw. viele Behandlungen von Heilpraktikern, dazu führt, dass es Patienten besser geht, dann stellt man schnell fest: weil die sich Zeit nehmen und zuhören! Diese Erfahrung müsste man in ein neues Gesundheitssystem übernehmen. Der Facharzt ist überwiegend nur ein Arzt, der vielfach hoffnungslos überschätzt wird, aber in bestimmten Situationen eben auch der einzig richtige Arzt sein kann! Vom Facharzt zu trennen sind die Ärzte die Technikparks verwalten und eigentlich nur diagnostische Unterstützungen bieten, wie z. B. eine radiologische Praxis. Und solche Diagnostik-Zentren inkl. Labor sollten bedarfsgerecht und zentralisiert in den Regionen existieren. Gleiches gilt für therapeutische Praxen, wie z. B. Dialyseeinrichtungen.

 

Ein Gedanke zu „Bürgerversicherung: Facharztbesuche und andere Irrtümer“

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