30.10.2013

Kategorie(n): Allgemein

buergerversicherung-staatsmedizin[Ein Gastbeitrag von Thorulf Müller, derKV Profi]

Im Zusammenhang mit der Diskussion der Bürgerversicherung werden immer wieder europäische Nachbarstaaten genannt, die eine Bürgerversicherung haben (d.h., dass alle Bürger in einem einheitlichen System versichert sind) und die eine schlechtere Versorgung als Deutschland haben. Beispielhaft wird dann immer auf England bzw. Großbritannien verwiesen.

Ich persönlich habe von 2011 bis Anfang 2013 in London gelebt und gearbeitet. Rein zufällig war ich natürlich in der Zeit auch in England im NHS (National Health Service) versichert und habe als Consultant im Umfeld des Department of Health am NHS mitgearbeitet.

Was ist denn nun die Wahrheit? Sterben Engländer früher oder müssen sie monatelang auf Operationen oder andere wichtige Behandlungen warten? Es gibt eine Vielzahl von Wahrheiten!

Im Zusammenhang mit der Diskussion der Bürgerversicherung werden immer wieder europäische Nachbarstaaten genannt, die eine Bürgerversicherung haben (d.h., dass alle Bürger in einem einheitlichen System versichert sind) und die eine schlechtere Versorgung als Deutschland haben. Beispielhaft wird dann immer auf England bzw. Großbritannien verwiesen.

Ich persönlich habe von 2011 bis Anfang 2013 in London gelebt und gearbeitet. Rein zufällig war ich natürlich in der Zeit auch in England im NHS (National Health Service) versichert und habe als Consultant im Umfeld des Department of Health am NHS mitgearbeitet.

Was ist denn nun die Wahrheit? Sterben Engländer früher oder müssen sie monatelang auf Operationen oder andere wichtige Behandlungen warten? Es gibt eine Vielzahl von Wahrheiten!

Das NHS ist für jeden, der in GB (Großbritannien) arbeitet kostenfrei. Man muss aber die vier eigenständigen Organisationen (NHS, National Health Service in England, NHS Wales in Wales (Walisisch: GIG Cymru, Gwasanaeth Iechyd Gwladol Cymru), NHS Scotland in Schottland (Gälisch: SNS Alba, Seirbheis Slàinte na h-Alba) und HSC, Health and Social Care in Northern Ireland in Nordirland) unterscheiden.

Das NHS ist ein staatliches und steuerfinanziertes System. Zurzeit werden 115 Milliarden Euro aufgewendet. Bis 2015 soll das Budget um 18 Milliarden Euro gesenkt werden. Das soll unter anderem durch den Abbau des organisatorischen Wasserkopfes (151 „Primary Care Trusts“ (PCT) und zehn „Strategic Health Authorities“) erreicht werden. Alleine dadurch entfallen 24.000 Arbeitsplätze. Die verbleibenden 97 Milliarden Euro sollen dann in einem neuen System direkt von den Ärzten und Krankenhäusern abgerufen werden können.
Die Wahrheit ist aber, dass heute gerade einmal 1.806 Euro pro Kopf als Etat zur Verfügung stehen. Zum Vergleich: in Deutschland wenden GKV, PKV, Beihilfe und die Sonderformen (PBeaKK, KVB, etc.) zusammen ca. 200 Milliarden Euro oder 2.484 Euro pro Kopf auf. Wenn ich also nur 2/3 ausgebe, dann kann ich auch nur 2/3 der Leistung erwarten. Die Wahrheit ist, dass die Engländer viel weniger Geld aufwenden, egal in welcher Relation ich es rechne. Wenn ich also englische Verhältnisse beschwöre, dann unterstelle ich, dass sich der Aufwand auch entsprechend reduziert. Das würde aber dann auch dazu führen, dass die Menschen in Deutschland weniger aufwenden als heute, weil das deutsche System beitragsfinanziert und eben nicht steuerfinanziert ist.
Die Reduzierung der Ausgaben führt übrigens bei den Bürgern zu keiner Veränderung. Sie entlastet einzig und alleine den Staatshaushalt.

Grundsätzlich haben steuerfinanzierte Systeme immer einen erheblichen Nachteil und eine nicht zu unterschätzenden Vorteil, den man gerade in England gut erkennen kann.
Der Nachteil ist, dass das System im erheblichen Umfang von der Finanzlage der öffentlichen Hand abhängig ist. Zurzeit ist die öffentliche Hand, auch in Großbritannien, in erheblicher Not, weil die Staatschuldenkrise und weltwirtschaftliche Probleme die Regierungen in Atem halten.
Der Vorteil ist aber, dass man von etwas, was scheinbar nichts kostet auch weniger erwartet. Die Erwartungshaltung in Deutschland ist um ein vielfaches höher als in England, weil man für die Absicherung der Behandlungskosten Beiträge zahlt.

Eine Wahrheit des englischen Systems ist die Rationierung. Es ist tatsächlich so, dass Personen ab einem bestimmten Alter keine Hüft- oder Kniegelenkprothese mehr erhalten. Das Alter ist übrigens nicht exakt definiert, sondern bewegt sich in einem Korridor. Mathematisch wird die Grenze durch ein individuelles Scoring festgelegt. Ein ähnliches System wird übrigens bei der Verteilung von Organen durch Eurotransplantat in Amsterdam angewendet. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass nirgendwo auf der Welt so viele künstliche Hüft- und Kniegelenke verbaut werden, wie in Deutschland, dann muss man sich die berechtigte Frage stellen, ob unser System, also völlig unabhängig ob einheitlich oder dual, richtig ist. Wir haben nämlich in Deutschland ein ganz anderes Problem, auf das ich auch noch eingehen werde.

Eine weitere Wahrheit ist, dass es in England einen zweiten Gesundheitsmarkt gibt: Privatpraxen und Privatklinken. Das gibt es zwar grundsätzlich in Deutschland auch, aber nicht in dem Umfang. Dennoch hat das englische System einen erheblichen Vorteil: in englischen NHS Kliniken und Praxen gibt es nur NHS Patienten und alle kommen der Reihe nach dran. Der einzige Grund dafür, dass jemand bevorzugt behandelt wird, liegt in der Priorität der medizinischen Notwendigkeit.
In den englischen Privatpraxen und –kliniken werden nur Menschen behandelt, die die Eingangstür mit einer gedeckten Kreditkarte öffnen konnten.
In Deutschland erleben die Kassenpatienten in einer Kassenpraxis, dass Menschen vorrangig und ggf. anders behandelt werden. Das erzeugt Neid und Missgunst und ist völlig falsch. Das englische NHS beteiligt sich auch nicht an den Kosten, wenn einer der Meinung ist, dass er sich besser oder anders behandeln lassen muss.
Das Argument der Befürworter der Bürgerversicherung, dass man mit der Bürgerversicherung die Zwei-Klassen-Medizin beenden würde ist natürlich absurd. Es ist aber auch absurd zu behaupten, dass die Einführung der Bürgerversicherung zwangsläufig dazu führt, dass wir die Ausgaben um 1/3 reduzieren und dann englische Verhältnisse im Sinne von Rationierung einführen müssen.

In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Diskussion mit einem Repräsentanten der deutschen PKV, der natürlich darauf hinweisen wollte, dass Prince George in einer Privatklinik geboren worden ist. Das ist auch ein Märchen. Das St. Marys Hospital in der Nähe des Kensington Palastes ist eine NHS Klinik!

England ist anders, der Engländer an sich auch. Der Engländer ist stolz auf sein National Health System, auch wenn er sich mehr Leistung wünscht, was aber bedeuten würde, dass er mehr zahlt! Die Entscheidung fällt immer gleich aus: es bleibt so, wie es ist!

Das NHS ist für jeden, der in GB (Großbritannien) arbeitet kostenfrei. Man muss aber die vier eigenständigen Organisationen (NHS, National Health Service in England, NHS Wales in Wales (Walisisch: GIG Cymru, Gwasanaeth Iechyd Gwladol Cymru), NHS Scotland in Schottland (Gälisch: SNS Alba, Seirbheis Slàinte na h-Alba) und HSC, Health and Social Care in Northern Ireland in Nordirland) unterscheiden.

 

Gastautor

Thorulf Müller

DerKVProfi

 

Das NHS ist ein staatliches und steuerfinanziertes System. Zurzeit werden 115 Milliarden Euro aufgewendet. Bis 2015 soll das Budget um 18 Milliarden Euro gesenkt werden. Das soll unter anderem durch den Abbau des organisatorischen Wasserkopfes (151 „Primary Care Trusts“ (PCT) und zehn „Strategic Health Authorities“) erreicht werden. Alleine dadurch entfallen 24.000 Arbeitsplätze. Die verbleibenden 97 Milliarden Euro sollen dann in einem neuen System direkt von den Ärzten und Krankenhäusern abgerufen werden können. Die Wahrheit ist aber, dass heute gerade einmal 1.806 Euro pro Kopf als Etat zur Verfügung stehen. Zum Vergleich: in Deutschland wenden GKV, PKV, Beihilfe und die Sonderformen (PBeaKK, KVB, etc.) zusammen ca. 200 Milliarden Euro oder 2.484 Euro pro Kopf auf. Wenn ich also nur 2/3 ausgebe, dann kann ich auch nur 2/3 der Leistung erwarten. Die Wahrheit ist, dass die Engländer viel weniger Geld aufwenden, egal in welcher Relation ich es rechne. Wenn ich also englische Verhältnisse beschwöre, dann unterstelle ich, dass sich der Aufwand auch entsprechend reduziert. Das würde aber dann auch dazu führen, dass die Menschen in Deutschland weniger aufwenden als heute, weil das deutsche System beitragsfinanziert und eben nicht steuerfinanziert ist.Die Reduzierung der Ausgaben führt übrigens bei den Bürgern zu keiner Veränderung. Sie entlastet einzig und alleine den Staatshaushalt.

Grundsätzlich haben steuerfinanzierte Systeme immer einen erheblichen Nachteil und eine nicht zu unterschätzenden Vorteil, den man gerade in England gut erkennen kann.
Der Nachteil ist, dass das System im erheblichen Umfang von der Finanzlage der öffentlichen Hand abhängig ist. Zurzeit ist die öffentliche Hand, auch in Großbritannien, in erheblicher Not, weil die Staatschuldenkrise und weltwirtschaftliche Probleme die Regierungen in Atem halten. Der Vorteil ist aber, dass man von etwas, was scheinbar nichts kostet auch weniger erwartet. Die Erwartungshaltung in Deutschland ist um ein vielfaches höher als in England, weil man für die Absicherung der Behandlungskosten Beiträge zahlt.

Eine Wahrheit des englischen Systems ist die Rationierung. Es ist tatsächlich so, dass Personen ab einem bestimmten Alter keine Hüft- oder Kniegelenkprothese mehr erhalten. Das Alter ist übrigens nicht exakt definiert, sondern bewegt sich in einem Korridor. Mathematisch wird die Grenze durch ein individuelles Scoring festgelegt. Ein ähnliches System wird übrigens bei der Verteilung von Organen durch Eurotransplantat in Amsterdam angewendet. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass nirgendwo auf der Welt so viele künstliche Hüft- und Kniegelenke verbaut werden, wie in Deutschland, dann muss man sich die berechtigte Frage stellen, ob unser System, also völlig unabhängig ob einheitlich oder dual, richtig ist. Wir haben nämlich in Deutschland ein ganz anderes Problem, auf das ich auch noch eingehen werde.

Eine weitere Wahrheit ist, dass es in England einen zweiten Gesundheitsmarkt gibt: Privatpraxen und Privatklinken. Das gibt es zwar grundsätzlich in Deutschland auch, aber nicht in dem Umfang. Dennoch hat das englische System einen erheblichen Vorteil: in englischen NHS Kliniken und Praxen gibt es nur NHS Patienten und alle kommen der Reihe nach dran. Der einzige Grund dafür, dass jemand bevorzugt behandelt wird, liegt in der Priorität der medizinischen Notwendigkeit. In den englischen Privatpraxen und –kliniken werden nur Menschen behandelt, die die Eingangstür mit einer gedeckten Kreditkarte öffnen konnten. In Deutschland erleben die Kassenpatienten in einer Kassenpraxis, dass Menschen vorrangig und ggf. anders behandelt werden. Das erzeugt Neid und Missgunst und ist völlig falsch. Das englische NHS beteiligt sich auch nicht an den Kosten, wenn einer der Meinung ist, dass er sich besser oder anders behandeln lassen muss. Das Argument der Befürworter der Bürgerversicherung, dass man mit der Bürgerversicherung die Zwei-Klassen-Medizin beenden würde ist natürlich absurd. Es ist aber auch absurd zu behaupten, dass die Einführung der Bürgerversicherung zwangsläufig dazu führt, dass wir die Ausgaben um 1/3 reduzieren und dann englische Verhältnisse im Sinne von Rationierung einführen müssen.

In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Diskussion mit einem Repräsentanten der deutschen PKV, der natürlich darauf hinweisen wollte, dass Prince George in einer Privatklinik geboren worden ist. Das ist auch ein Märchen. Das St. Marys Hospital in der Nähe des Kensington Palastes ist eine NHS Klinik!

England ist anders, der Engländer an sich auch. Der Engländer ist stolz auf sein National Health System, auch wenn er sich mehr Leistung wünscht, was aber bedeuten würde, dass er mehr zahlt! Die Entscheidung fällt immer gleich aus: es bleibt so, wie es ist!

 

Ein Gedanke zu „Staatsmedizin oder das Schreckgespenst England“

  1. Bei der Eröffnungsshow für die Olympiade in London gab es einen längeren Teil, in dem die NHS als Errungenschaft und etwas besonders positives dargestellt wurde. Offensichtlich sieht man sein System in England ganz anders, als es uns die deutschen PKV so gerne anders verkaufen wollen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die AOK oder ähnliches bei uns im Rahmen einer solchen Veranstaltung besonders herausgehoben wird. Und dann immer diese Tartaren-Mitteilungen, wo wie in einem staatlichen System jemandem welche Leistungen vorenthalten wurden, welche Wartezeiten es gäbe und so weiter. Ähnliche Presse-Mitteilungen lassen sich sowohl zur deutschen GKV wie auch PKV jederzeit finden – und damit genau das Gegenteil belegen. Wer sich die folgenden VErgleiche der OECD anschaut ( http://www.commonwealthfund.org/Publications/Chartbooks/2013/Mar/Multinational-Comparisons-of-Health-Data-2012.aspx) , sieht zum einen schnell, warum in Deutschland soviel mehr für „Gesundheit“ ausgegeben wird als in anderen Ländern (wie zum Beispiel UK, was Thorulf Müller so gut beschreibt) aber ohne einen besonderen Effekt zu haben: Sterblichkeit pro 100.000 Einwohner vor erreichen des Alters von 75 Jahren zwischen 97-98: DEutschland 106, UK 127. Für 2006-2007 sind die Zahlen 76 im Vergleich zu 80. Mich deucht, dass das ach so schlimme NHS System es geschafft hat, die Sterblichkeit prozentual stärker zu reduzieren als das deutsche System? Auch die bliebte Behauptung, dass eine Bürgerversicherung/staatliches System zu weniger Spitzenforschung im Gesundheitsbereich führen würde, lässt sich mit Blick auf die Listen der Nobelpreisträger der letzten 20 oder 50 Jahre leicht widerlegen – da haben Länder mit staatlichen Systemen mehr Nobelpreisträger (und damit Spitzenforschung) hervorgebracht im Medizinbereich als Deutschland. Und, und und und… freue mich auf weitere Berichte von Thorul Müller, nicht umsonst heißt er: der KV-Profi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.