04.10.2013

Kategorie(n): Allgemein

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[Ein Gastbeitrag von Sören Hildinger]
Teil 1 – Private Krankenversicherung: Die Zukunft der PKV nach der Bundestagswahl 2013

Nur ein Viertel der PKV-Versicherten verdient über 52.200 Euro
Schaut man sich zunächst einmal die Einkommensverteilung aller privat Versicherten über 18 Jahre (also Beamte, Pensionäre, Selbständige, Angestellte) genau an, dann ist leicht festzustellen, dass nicht einmal ein Viertel der privat Versicherten über der Jahresarbeitsentgeltsgrenze von 52.200,- € jährlich verdient. Mehr als drei Viertel verdienen (teilweise deutlich) darunter. Sieht so Reichtum in Deutschland aus?

Man fragt sich manchmal schon, ob manche Politiker keine wichtigeren Probleme in unserem Lande sehen, als irgendwelche (auch noch falschen) Neiddebatten zu führen. Noch präziser wird das Bild dann, wenn man sich anschaut, aus welchen Berufsgruppen sich eigentlich der Kundenstamm der Privaten Krankenversicherung zusammensetzt. So sind zunächst einmal knapp die Hälfte aller privat Versicherten Beamte und Pensionäre. Diese Berufsgruppe mag vielleicht gewisse Vorteile in Bezug auf einen sicheren Arbeitsplatz oder eine auskömmliche Pension haben – reich im klassischen Sinne wird man als Beamter bzw. Pensionär sicherlich nicht. So hat ein Lehrer in der Besoldungsgruppe A 12 ein Bruttoeinkommen von etwa 3.000 bis 4.000 Euro. Selbst ein Richter oder ein Staatsanwalt verdient in Besoldungsgruppe R 1 je nach Dienstjahren zwischen 4.000 und 6.000 Euro brutto. Ohne Zweifel ist das ein sehr gutes Einkommen – aber sprechen wir hier schon vor Reichtum? Die beiden genannten Beispiele beziehen sich im Übrigen auf die kleine Minderheit der Beamten im höheren Dienst. Die Mehrheit der Beamten im einfachen, mittleren und gehobenen Dienst verfügt in den Berufsgruppen A 2 bis A 10 mit 2.000 Euro bis 3.000 Euro über ein eher bescheidenes Einkommen.

gastauthor-soeren-hildingerPrivat versicherte Angestellte sind Gutverdiener, aber nicht reich
Bei den Angestellten sieht es ähnlich aus: Etwa 12 Prozent der privat Versicherten sind Angestellte, die es über die Jahresarbeitsentgeltsgrenze von derzeit 52.200 Euro geschafft haben. Die Masse der privat versicherten Angestellten bewegt sich also im Bereich von mehr oder weniger über diesem Wert. Sicherlich kein schlechtes Einkommen – aber sieht so der Reichtum in Deutschland aus?

Auch die Selbständigkeit, in der weitere knapp 16 Prozent der privat Versicherten leben, bedeutet in den allermeisten Fällen keinen Reichtum. Selbständige sind ja nur in seltensten Fällen Inhaber großer Firmen mit Millionengewinnen, sondern neben einigen Freiberuflern in aller Regel die klassischen gewerblichen Berufe wie Bäcker, Metzger und Friseure sowie kleine Handwerksbetriebe mit wenigen Angestellten. Von Reichtum kann hier sicherlich nicht gesprochen werden, in manchen Fällen leider eher von gesicherter Armut.

In Deutschland gibt es keine Zweiklassen-Medizin
Das Spiel mit den Ängsten der Bürger gehört leider zum Standardrepertoire des einen oder anderen dem Populismus nicht abgeneigten Politiker. Schließlich kann man sich allgemeiner Empörung sicher sein, wenn man den Eindruck erweckt, in Deutschland gäbe es eine Minderheit, die Zugang zu hochwertiger Medizin hätte (hier: PKV-Versicherte), während der Rest (hier: GKV-Versicherte) nur eine minderwertige Minimalversorgung in Anspruch nehmen könnte. Es ist absolut nachvollziehbar, dass eine solche Behauptung den (verständlichen) Protest einer großen Mehrheit in der Bevölkerung verursachen wird. Völlig zu Recht wäre in unserem Lande niemand bereit zu akzeptieren, dass die Friseurin mit geringem Einkommen medizinisch schlechter behandelt wird als der gut verdienende Ingenieur. Wenn arme Menschen keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu lebensnotwendigen Leistungen hätten, dann wäre dieses das Ende des Sozialstaates und ein Rückfall in vorindustrielle Zeiten. Eine hochwertige Gesundheitsversorgung für alle Menschen gehört daher in jedem modernen Wirtschaftssystem zum Standard – und selbstverständlich ist das auch in Deutschland absolut gewährleistet!

Jeder Bürger dieses Landes, egal ob er nun in der GKV oder der PKV versichert ist, hat Zugang zu denselben Krankenhäusern, Ärzten, medizinischen Geräten und Medikamenten. Alle werden nach denselben medizinischen Regeln und Standards behandelt. Dieses ist klarer und völlig unantastbarer Grundsatz unserer Gesellschaft – und genau aus diesem Grunde ist es falsch, wenn verantwortungslose Populisten versuchen der Bevölkerung einzureden, es gäbe in Deutschland eine Zweiklassen-Medizin aus GKV und PKV und damit eine Welt, in der der eine Zugang zu Spitzentechnologie hat und der andere eben nicht.

Die Bürgerversicherung beendet keine Zweiklassenmedizin, sondern führt sie erst ein
Genau an diesem Punkt kommt aber wieder die Bürgerversicherung in Spiel. Sie würde nämlich exakt das System schaffen, das ihre Befürworter eigentlich abschaffen wollen – die Zweiklassen-Medizin. Denn wie im Vorfeld bereits erwähnt, würde die Einführung einer Bürgerversicherung mit gleichzeitigem Ende der PKV dem Gesundheitssystem etwa 11 Milliarden Euro pro Jahr entziehen. Also genau das Geld, das die dann zwangsweise gesetzlich Versicherten zusätzlich in das Gesundheitssystem eingezahlt hätten, wenn sie noch privat Versichert wären („hypothetische Ausgaben“). Dieses Geld würde den Leistungserbringern im Gesundheitswesen fehlen. Jeder Patient wäre faktisch nur noch ein Kassenpatient, da es ja keine Privatpatienten mehr gäbe. Von genau diesen lebt aber in der Regel jede Arztpraxis. In der Folge dieses enormen Einkommensverlustes (im Schnitt etwa 43.000,- € pro Praxis und Jahr) würden sich gerade hochqualifizierte und spezialisierte Ärzte dafür entscheiden, ihre Kassenzulassung zurückzugeben und als exklusive Privatpraxen nur noch reine Selbstzahler zu behandeln. Also jene Bürger, die bereit und in der Lage wären, ihre komplette Arztrechnung aus eigener Tasche zu bezahlen. Der Markt hierfür wäre eindeutig vorhanden, was alleine die Tatsache zeigt, dass es in Deutschland schon jetzt eine zwar geringe, aber dennoch ansteigende Zahl reiner Privatpraxen gibt. Diese werden von Ärzten gegründet, die sich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen wollen, aber aufgrund der schlechten Vergütungssituation durch die GKV schon jetzt keine Möglichkeit mehr sehen, ihre Praxis wirtschaftlich zu betreiben. Diese Privatpraxen mit oftmals sehr hohem fachlichem und technischem Standard fehlen damit dem gesamten Gesundheitssystem und damit allen gesetzlich und privat versicherten Bürger. Sie stehen nur noch einer wohlhabenden Minderheit zur Verfügung. Auch wenn es die Befürworter der Bürgerversicherung ungern hören möchten – im Gesundheitssystem gibt es nicht zu viele Privatpatienten, sondern eindeutig zu wenig. Jeder Versicherte, der aus der PKV herausfällt, entzieht dem Gesundheitswesen das dringend benötigte Geld, um den Versorgungsstandard für alle Versicherten (also GKV und PKV!) zu sichern. Somit sind die Privatpraxen bisher nur Einzelfälle, die aber einen Vorgeschmack auf das ermöglichen, was Deutschland im Falle einer Bürgerversicherung drohen würde.

Zweiklassen-Medizin nein – Leistungsdifferenzierung ja
Ein völlig anderes Thema ist die Leistungsdifferenzierung. Selbstverständlich ist es jedem Bürger möglich, sich zusätzliche Leistungen auf dem Gesundheitsmarkt einzukaufen. Sei es nun ein Einbettzimmer, die Behandlung durch den Chefarzt, ein höherwertiges Hilfsmittel oder auch höhere Erstattung etwa im Zahnbereich. Vielleicht auch verkürzte Wartezeiten bei nicht lebensnotwendigen Arztbesuchen. Aber gibt es diese Leistungsdifferenzierung nicht überall in unserem Wirtschaftssystem? Lebt unser Wirtschaftssystem nicht sogar genau davon, dass sich jeder Bürger entsprechend seinen persönlichen Vorstellungen und (auch finanziellen) Möglichkeiten genau die Wirtschaftsgüter einkaufen kann, die er für notwendig hält? Unterscheidet nicht genau das eine Marktwirtschaft von der Planwirtschaft? Wer sein Auto zur Inspektion bringt, kann oftmals zwischen der normalen und der Express-Inspektion wählen. Letztere ist teurer, dafür hat man auch sein Auto schneller wieder zurück. Der eine kauft beim Discounter, der andere im Bioladen. Mancher fährt ein kleines Auto, sein Nachbar ein großes Auto. Die Wohnung des einen liegt an der vielbefahrenen Hauptstraße, die des anderen im Villenviertel. Na und?

Das Gesundheitssystem muss weiterentwickelt werden – aber mit Augenmaß und Verstand
Ohne jeden Zweifel ist es wichtig, Wirtschaftssysteme weiterzuentwickeln und veränderten gesellschaftlichen Realitäten und Rahmenbedingungen anzupassen. Das gilt natürlich auch für unser Gesundheitswesen mit dem bewährten dualen System aus gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen. Hier gibt es in beiden Systemen sicherlich den einen oder anderen Bereich, den man noch weiter optimieren kann. Aber solche Reformen müssen immer auch eine Akzeptanz in der Bevölkerung haben. Sie müssen nachvollziehbar und transparent sein, und sie müssen dem Gesamtsystem mit seinen Menschen einen Mehrwert bringen. Die Bevölkerung wünscht sich ehrliche, objektive Argumente und keine politischen Taschenspielertricks aus den frühen 50er Jahren.

Halten wir als Fazit fest, dass eine Bürgerversicherung für absehbare Zeit wohl sehr unwahrscheinlich geworden ist. Vielleicht wird die Politik der PKV im einen oder anderen Bereich das Leben ein bisschen schwerer machen. Aber sie wird weiterleben und ihren wichtigen Beitrag für unser Gesundheitssystem weiter leisten können.

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