09.09.2013

Kategorie(n): Allgemein

skynews-it-never-stops

Ob das in Deutschland denkbar wäre, kann ich nicht beurteilen, in Großbritannien ist es jedenfalls Realität: Unter dem Titel »State of Emergency« berichtet der Spiele Nachrichtensender Skynews von Samstag, 7. September, 18 Uhr, 24 Stunden lang live und »unscribted« (d.h. ohne Drehbuch) aus der Notaufnahme eines Krankenhauses in Nottingham.

Als Hintergrund muss man wissen, dass in Großbritannien eine intensive Diskussion über das Gesundheitssystem läuft. Der »National Health Service (NHS), eine Art »Bürgerversicherungs-System«, in dem alle Bürger drin sind und das rein aus Steuern finanziert wird, bewegt sich in der öffentlichen Meinung laufend am Rande des Zusammenbruchs. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen die Mitarbeiter in der Notaufnahme, die als »underpayed« (unterbezahlt) und »overworked« (überarbeitet) gelten.

Hier einige interessante Beobachtungen, in welche Richtung die Diskussion läuft:

  • Der Gesundheitsminister hat bekannt gegeben, dass die Regierung dieses Jahr noch weitere 500 Millionen Pfund für das Gesundheitssystem bereitstellen werde. Wir kennen in Deutschland die Diskussion über Beitragserhöhungen – die gibt es in Großbritnnien nicht, da es keine Beiträge gibt, können auch keine erhöht werden. Es werden rein politische Entscheidungen getroffen, wie viel Geld die Regierung dem System zur Verfügung stellt.
  • Es läuft bereits eine breite Diskussion, welche Leistungen bezahlt werden sollen und welche nicht. Eine repräsentative Umfrage von Skynews von letzter Woche ergab folgendes: 72 % der Bevölkerung sagen, dass Betrunkene oder Drogenkonsumenten, die medizinische Hilfe benötigen, diese zumindest zum Teil selbst zahlen sollen selbst, 47 % sagen, dass künstliche Befruchtung nicht bezahlt werden sollte und nur 22 % sind der Meinung, dass eine Geschlechtsumwandlung bezahlt werden sollte.
  • Am Sonntag morgen stellten die Reporter, nachdem sie ca. 180 behandelte Patienten miterlebt hatten und z.T. bei Einsätzen von Notarztwagen mitgefahren waren, ganz unverblümt die Frage: »Wer in aller Welt diesen Job freiwillig machen will?« Das ist ein vernichtendes Urteil und befeuert die Diskussion, dass ältere Fachärzte zu derart »unsocial work« (unsozialer Arbeit) verpflichtet werden. Das unsozial bezieht sich auf die Arbeitszeiten (lange Schichten, Wochenend- und Nachtarbeit) und den psychologischen Belastungen, die mit der Arbeit in der Notaufnahme einhergehen.

Man sieht also, wie gut die britische Bürgerversicherung funktioniert – nämlich gar nicht gut. Und es führt einem wieder vor Augen, dass unser Gesundheits-System in Deutschland zwar auch reformbedürftig ist, aber eben doch im Vergleich gut funktioniert. Deshalb bestärkt es mich auch in meiner Überzeugung, dass wir in Deutschland keine Bürgerversicherung brauchen.

Spannend zu beobachten wird auch bleiben, wie erfolgreich eine neueingeführte medizinische Hotline des NHS ist. Ein Problem in der Notaufnahme ist, dass dort viele Menschen behandelt werden, die eigentlich nicht in die Notaufnahme gehören: Eltern, die es am Freitag nicht mehr zum Kinderarzt geschafft haben und nun mit einem fiebrigen Kind in der Notaufnahme sitzen. Oder Menschen, die an einem »einfachen Krankheitsbild« laborieren, das problemlos am nächsten Tag in einer Arztpraxis behandelt werden könnte. Die Idee mit der Arzt-Hotline eine Art Filter vorzuschalten, ist nachvollziehbar, da damit Arbeitsbelastung und natürlich auch Kosten reduziert werden können. Aber manchmal kommt es eben auf Minuten an und da kann der Anruf bei der falschen Nummer oder eine falsche telefonische Diagnose fatale Folgen haben. Die Menschen sind laut Medienberichten zum Teil verwirrt, welche Nummer sie wann anrufen müssen.

Fazit: Das Gesundheitssystem in Großbritannien steht im öffentlichen Focus, da die Menschen spüren und am eigenen Leib erleben, dass das System und vor allem das medizinische Personal an der Leistungsgrenze angekommen ist.