28.08.2013

Kategorie(n): Allgemein

themenplakat-rente

Während ich das hier als Frage formuliere, postuliert es Reiner Klingholz in seinem Kommentar vom letzten Donnerstag in der WELT bereits als Forderung: „Die Deutschen müssen sich an Armut gewöhnen“. Und er bemängelt, dass das Thema Demografie im Wahlkampf keine Rolle spielt, sondern tagesaktuelle Themen wie Prism, Mietpreise oder gar Veggie Day die Schlagzeilen dominieren. Seine Vermutung: Es spielt deswegen keine Rolle, weil die Parteien sich nicht trauen, den Wählern die Wahrheit zu sagen.

Da ich nicht gewählt werden muss, schreibe ich mal folgende Wahrheiten auf, die es aus meiner Sicht gibt:

  • Unterfinanzierung in den Sozialsystemen: Wird von der aktuell rosigen wirtschaftlichen Lage kaschiert, denn wahrgenommen werden nur diekurzfristigen Effekte wie Senkung des Rentenbeitrags und Überschüsse in der gesetzlichen Krankenversicherung. Im Wahljahr natürlich gerne genommen. Was ab 2030 – das sind nur noch 17 Jahre, aber mehr als vier Wahlperioden – ist, da hüllen die Politiker über uns den Mantel des Schweigens.
  • Beamtenpensionen: Noch läuft es irgendwie aus den allgemeinen Budgets, auch das sieht ab 2030 und ab 2050 sowieso völlig anders aus. Dazu hab ich vor kurzem bereits geschrieben.
  • Renteneintrittsalter: Je linksgerichteter die Partei, desto mehr die falschen Versprechungen eines möglicheren niedrigeren Eintrittsalters. Wir sollten nicht über die Rückkehr zur Rente mit 65, sondern über die Rente mit 69 oder 75 diskutieren. Ich selbst gehe davon aus, dass ich mindestens bis 75 arbeiten werde. Schön wenn ich vorher einen finanziellen Status erreiche, dass ich es nicht mehr tun muss, aber das wird 2045 eben nicht normal sein.
  • Generationengerechtigkeit: Ein hehres Wort, aber was bedeutet es übersetzt in politische Handlungsfelder? Wenn wir den Euro nur einmal ausgeben können, müssen wir dann irgendwann entscheiden, ob wir eine Kita oder ein Pflegeheim bauen? Können wir den Rollator und den Ergotherapeuten für das Baby bezahlen? Ich hoffe nicht, dass wir je in eine Situation kommen, in der wir vor solchen Alternativen stehen, aber es ist nicht auszuschließen. Und dann wäre es besser, wenn wir diese Fragen jetzt stellen, um die Antworten in Ruhe zu finden.
  • Rationierung von Gesundheitsleistungen: Ich weiß, mit jedem Punkt den ich hier aufliste, wird das Eis dünner und die Fragestellungen ethisch schwieriger. Vielleicht sind es ja gar nicht die 20jährigen, die der 90jährigen die zweite neue Hüfte absprechen, sondern eher die 50 und 60jährigen? Ich weiß es nicht. In England gibt es Maßnahmen in diese Richtung. Ob es eine entsprechende gesellschaftliche Diskussion gibt, weiß ich nicht.
  • Abschied vom Wachstum: Auch so eine Phrase. „Wohlstand ohne Wachstum!“ Hört sich gut an, aber was bedeutet es? Ist es nur eine wohlklingendere Formulierung für „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“? Was brauchen wir, um ein würdiges Leben zu führen? Was ist Luxus? Was ist Standard? Wer ist arm? Und was hat das alles mit Glück und Zufriedenheit zu tun. Okay, das führt jetzt vielleicht wirklich zu weit für diesen Blog. Aber diese Fragen sind es wert, ausdiskutiert zu werden.

Und ganz so pessimistisch sehe ich die Lage gar nicht, denn im Land der Dichter und Denker, haben wir auch immer innovative und kreative Lösungen gefunden. Und vieles wird nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird. Oder wer redet heute noch vom Waldsterben? Wer sich rückblickend die Prognosen der 80er Jahre anschaut, stellt fest, dass wir glücklicherweise nicht in der Zeit leben, in der es in Deutschland keinen Wald mehr gibt. Und wie schnell aus dem kranken Mann Europas (Deutschland) die wirtschaftliche Lokomotive Europas (Deutschland) geworden ist – nämlich innerhalb weniger Jahre, stimmt mir vielleicht zu, dass wir demografisch auch noch nicht in Weltuntergangsstimmung verfallen sollten. Und dennoch gilt: Die Zeit ist kostbar. Denn jedes Jahr, das verrinnt, ohne dass wir gegensteuern, ist ein verlorenes Jahr.