11.07.2013

Kategorie(n): Allgemein

Krankenversicherung: Fallpauschale

Um die Jahrtausendwende ging es dem Gesundheitssystem in Deutschland sehr schlecht. Und viele sagen, es ist auch heute noch der teuerste Patient, den es in Deutschland gibt. Jedenfalls wurden vor ungefähr zehn Jahren die Fallpauschalen eingeführt. Unter der Überschrift „Wie geht es uns heute? Zeit für eine Visite.“ beleuchtet Hanno Charisius in der aktuellen Ausgabe von brandeins viele Aspekte, die mit diesem emotional aufgeladenen Thema zu tun haben.

Hat die Fallpauschale die Erwartungen erfüllt? Das lässt sich mit einem klaren „Jein“ beantworten, denn es gibt positive Aspekte, aber auch Entwicklungen, die so nicht gewollt sind. Schauen wir uns stellvertretend zwei Aspekte an. Vorab noch eine Anmerkung: Bei der Fallpauschale handelt es sich um eine Durchschnittsvergütung, die wahrscheinlich in fast 100% der Fälle zu einer falschen Vergütung führt, da ein Fall – also die Krankheit eines bestimmten Menschen – nie exakt dem Durchschnitt entspricht. In der Summe passt es aber. Denn führt das zu Unzufriedenheit. Und zu weiterer Unzufriedenheit führt, dass manche Häuser mit dieser Art von Vergütung besser zu Recht kommen – einfach aufgrund bestimmter Spezialisierungen oder statistischer Abweichungen – als andere. Nun zu den zwei Aspekten:

  • Die Kosten sind nicht weiter explodiert und in den Städten funktioniert die Arbeitsteilung – nicht jede Klinik muss alle Arten von Krankheiten behandeln – wenn sich das Angebot ergänzt, können teure Geräte besser ausgelastet werden. Krankenhäuser auf dem Land, die eine Vollversorgung anbieten müssen, haben eher Probleme.
  • Es wird mehr operiert in Deutschland. In vergleichbaren OECD-Ländern ist die Quote konstant, bei uns ist sie in diesem Zeitraum um ca. 10% gestiegen.

Das Mehr an Operationen war sicher nicht Ziel der Fallpauschalen. Aber sind sie wirklich die Ursachen dafür? Der Berliner Gesundheitsökonom Alexander Geissler gibt offen zu: Man weiß es nicht. Es kann auch ganz andere Ursachen haben: In einer alternden Gesellschaft sind mehr Operationen nötig. Oder: Aufgrund des medizinischen Fortschritts kann man heute Operationen bei Patienten machen, die vor zehn Jahren noch nicht möglich waren. Oder doch: Der wirtschaftliche Druck, dass Ärzte vom Klinikmanagement gedrängt werden, gut planbare Operationen wie Knie oder Hüfte durchzuführen, auch wenn die medizinische Notwendigkeit zumindest umstritten sein könnte.

Natürlich gibt es Studien, natürlich gibt es Auffälligkeiten und wahrscheinlich gibt es auch „blutige Entlassungen“ und sicher gibt es überlastetes Pflegepersonal. Aber es gibt auch verantwortliche Menschen in diesem System, die sich weder von medial aufgeheizten Fehlern im Einzelfall, die menschlich dramatisch, statistisch aber irrelevant sind, noch von der Lobby, noch von naheliegenden zu einfachen Lösungen vom Weg der stetigen Systemverbesserung abbringen lassen. Einer davon ist Frank Heimig, Geschäftsführer des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK). Mit seiner beharrlichen Detailarbeit hat er durchaus Erfolge: Nach Einführung der Fallpauschalen stieg die Zahl der Kaiserschnitte überdurchschnittlich an. Die Vermutung lag nahe, dass sich einige Häuser darauf spezialisierten und von folgendem Umstand profitierten: Jeder Kaiserschnitt wurde mit der gleichen Pauschale vergütet, egal ob geplanter Eingriff oder Notfall. Der Notfall ist aber ca. 1000 Euro teurer. Die in diesem Fall ausnahmsweise einfache Lösung: Es gibt nicht mehr eine, sondern zwei Fallpauschalen; und die für den geplanten Kaiserschnitt liegt niedriger, das senkt die Motivation, solche Eingriffe zu planen und ist ein gutes Beispiel für gelungene Systemverbesserungen.

Deshalb ist Heimig auch verhalten optimistisch, auch wenn er das bestehende System längst nicht für perfekt, aber trotzdem für das beste hält. „Wir haben zwar kein Geld gespart,“ so sein Zwischenfazit, „aber wir behandeln heute viel mehr Leute. Durch diese Effektivitätssteigerungen können wir uns den Gesundheitsstand von vor zwölf Jahren erhalten. Andere Länder müssen ihre Versorgung dagegen rationieren.“ Und als ob es noch eines weiteren Beweises bedurfte: Das System der Fallpauschalen ist zwischenzeitlich zum Exportschlager geworden.

Tja, Exportweltmeister Deutschland, auch im Gesundheitssystem? Wer hätte das gedacht. Und in guter Ingenieurs-Tradition wollen Geissler und Heimig weiter tüfteln. Nächstes Ziel: Qualität messbar machen. Bei 180 Millionen Datensätzen zu Krankenhausaufenthalten auf Ihren Computern bleibt das ambitioniert, aber es ist sicher nicht unmöglich. Drücken wir die Daumen, dass es gelingt.

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