06.06.2013

Kategorie(n): Allgemein

cicero-zeitschrift

Nein, es geht ausnahmsweise mal nicht um neue Schulden, sondern um die Einwohnerzahl Deutschlands. Und deswegen zählen viele nach und rechnen hoch. So auch in der aktuellen Ausgabe der CICERO. Hier wurde das Thema mit der Schlagzeile »Hurra, wir wachsen« sogar auf den Titel gehoben. Gut so, denn es ist ein extrem wichtiges Thema, das schleichend kommt und deswegen in der von Alarmismus geprägten Diskussionskultur unserer Republik zu selten nach ganz oben auf die Agenda kommt.

Trotzdem wird viel zu dem Thema Demographie geschrieben und geforscht, mit teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem wie Geburtenrate, Lebenserwartung und Einwanderung eingeschätzt werden. Die CICERO-Redakteure fügen den möglichen Szenarien ein neues, ungewöhnliches hinzu: Während bei der überwiegenden Anzahl an Beiträgen nur die Frage diskutiert wird, wie schnell und um wie viele wir weniger werden in Deutschland, beschäftigt sich dieser absolut lesenswerter Artikel mit einem möglichen Wachstumsszenario. Deutschland in 50 Jahren mit 100 Millionen Einwohnern. Ungewohnt, spannend, gewagt?

Auch wenn ich das Szenario für sehr gewagt halte – warum folgt gleich – ist die Grundmotivation des Artikels gut: Er ist getragen von der These, dass es notwendig ist, auch unwahrscheinliche Szenarien zu diskutieren, um alle Gestaltungsmöglichkeiten zu haben. Wenn alle nur immer in den düsteren Schrumpfungskanal einstimmen, kann das auch zur Self-Fulfilling-Prophecy werden. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Im Folgenden nun einige stichwortartige Anmerkungen zum Artikel:

  • Das Beispiel der blühenden und wachsenden Stadt Halle, das ausführlich als Illustration herangezogen wird ist gut gewählt und richtig. Sogar in Ostdeutschland wachsen die Städte, dass ländliche Regionen entvölkern wird beinahe unterschlagen.
  • Der positive Zuwanderungssaldo aus südeuropäischen Ländern in den Jahren 2011 und 2012 ist Fakt. Allerdings sind sich alle einig, dass er durch die Krise motiviert ist und daher ist die Hochrechnung auf die Zukunft sehr schwierig und nicht zu sagen unseriös.
  • Im Text wird auch die Geburtenrate diskutiert. Sicherlich kann der Wert von 1,4 Kindern pro Frau sich verändern, schon allein deswegen, da er aufgrund von tendenziell späteren Erstgeburten noch etwas nachtönen geht. Aber einen Wert von 2,1 ernsthaft zu diskutieren, macht ein demographisches Wunder – das entspräche einer Steigerung der Geburtenrate von 50% – zur Basis der Kalkulation.
  • Der Aspekt der Babyboomer, die jetzt in Rente und in 20-30 Jahren jedes Jahr zu Hunderttausenden sterben werden, bleibt gänzlich unerwähnt.

Fazit: Ein lesenswerter Beitrag – ab ans Kiosk oder Heft hier online bestellen – der die Diskussion bereichert, mir aber mit zu vielen unsicheren Parametern hantiert als dass ich das Szenario eines Deutschlands mit 100 Millionen Einwohnern wirklich ernst nehmen kann.